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20.09.2018

Wie man 61 Orte an drei Tagen zu Bühnen macht: 48h Wilhelmsburg in Hamburg

Veranstaltungstechniker beim Festival 48h Wilhelmsburg in Hamburg

Was ein Tonmann auf dem Deich und seine Kollegin im Parkhaus gemeinsam haben

Was haben ein Tonmann auf dem Deich und seine Kollegin im Parkhaus gemeinsam? Sie bauen blitzschnell PAs auf, mehrmals täglich, an mitunter außergewöhnlichen Orten. Sie haben die Telefonnummer desselben Technik-Dienstleisters im Gepäck. Und nach getaner Arbeit führen sie mit ihm das immer gleiche Ein-Wort-Telefonat: „Taxi!“

Was nach einer neuen Challenge für Veranstaltungstechniker klingt, ist Teil der Umsetzung des Festivals 48h Wilhelmsburg in Hamburg. Warum sich so viele Techniker alljährlich gern dieses Wochenende freihalten und welche Aufgaben die Logistik für die Musik von den Elbinseln bereithält, erfahrt ihr hier.

Es ist Freitagnachmittag an einem Juni-Wochenende. Bei strahlend blauem Himmel lockt die Sonne viele Menschen in einen frühen Feierabend. Viele außer uns. Wir 60 Veranstaltungstechniker fahren nach Hamburg. Unser Ziel: Wir bringen Ton und Licht beim Festival 48h Wilhelmsburg an den Start. Ab Freitagnachmittag machen wir 61 Spielorte vom Deich bis zum Parkhaus zu Popup-Bühnen. Viele von uns haben bis zu drei Konzerte täglich vor sich.

1. Das Festival

48h Wilhelmsburg findet im gleichnamigen Hamburger Stadtteil statt. Er liegt auf einer Elbinsel. 163 Musik-Acts treten innerhalb von 48 Stunden an 61 Spielstätten auf. Außer auf bestehenden Bühnen finden die Konzerte insbesondere an ungewöhnlichen Orten statt. Darunter sind zahlreiche Künstlerateliers, eine Flüchtlingsunterkunft, ein Imbiss, der Balkon einer Kleiderkammer, ein Tattoo-Studio und der Zollhafen.

In diesemJahr ging 48h vom 8. bis zum 10. Juni zum neunten Mal über die Bühne. Über 1000 Profis und Hobbymusiker, Schulen, außerschulische Institutionen und viele Musikinteressierte sind an der Planung beteiligt. Gemeinsam bilden sie das Netzwerk Musik von den Elbinseln. Alle auftretenden Musiker und Musikerinnen leben, arbeiten oder proben auf den Elbinseln. Stilistisch kann man mit ihnen locker einmal um die Welt reisen. Die Auftritte fördern den interkulturellen Austausch von Bands, Nachbarn und Besuchern. Lokale Künstler erhalten Präsentationsmöglichkeiten und werden in ihrer Professionalisierung gefördert. Alle Konzerte können kostenlos besucht werden.

2. Das Einchecken im Lager

Die technische Durchführung liegt in den Händen des Wilhelmsburger Veranstaltungsechnik-Dienstleisters elbdeich 23. Normalerweise arbeitet er mit zehn Festangestellten und vier Azubis. Heute ist hier nichts normal. 60 freie Techniker sind zusätzlich am Start. Zur Begrüßung gibt’s erst einmal ein großes Hallo. Viele kennen sich aus den Vorjahren. Danach arbeitet man sich zu drei großen Stellwänden voller Listen vor. Sie sind mitten im Lager aufgebaut. In der Regel wissen wir vorher, in welchem Team wir arbeiten und an welchen Orten. Alle Details erfahren wir jetzt.

An den Stellwänden hängen nach Spielorten geordnet sämtliche Informationen wie Location-Ablaufpläne und Rider der Bands. Persönliche Wünsche der Musiker, zum Beispiel zur Mikrofonierung, gibt der Firmeninhaber Carsten Wodniczak uns persönlich mit auf den Weg. Jede Crew stellt ihr Equipment selbst zusammen. Von oben betrachtet sehen wir aus wie ein Ameisenhaufen mit Plan.

3. Wenn 60 Veranstaltungstechniker ausschwärmen

Für die Fahrten zu den Veranstaltungsorten stehen Kuriere mit LKWs und Transportern bereit. Fast alle Fahrer sind Wilhelmsburger und deshalb mit den Örtlichkeiten bestens vertraut. Nach der Ankunft gilt es, den Spielort möglichst schnell zu erfassen und die PA sowie bei Bedarf Licht zügig aufzubauen. In der Regel ist „get-in“ für uns zwei Stunden vor Konzertbeginn.

Eine Stunde ist für den Aufbau eingeplant, eine halbe für den Soundcheck. Zum Charakter des Festivals gehört es, alle Auftrittsorte so zu belassen, wie sie sind. Wilhelmsburg wird an diesem Wochenende zum Bühnenbild. Der Firmenchef beschäftigt am liebsten Fachkräfte, die selbst Musiker sind, weil sie sich besonders gut in die Lage der auftretenden Künstler versetzen können. Auch die Bands sollen sich am ungewöhnlichen Ort schnell zurechtfinden. Auf Wunsch beraten die Veranstaltungstechniker die Musiker. Deren Konzerterfahrung kann die einer Profi-Band oder die eines Gitarrenlehrers mit seiner Schülerin sein. Dann wartet schon das Publikum und los geht's. Wir versuchen, die Nachteile eines kurzen Soundchecks mit entsprechend großer Erfahrung auszugleichen.

Viele von uns begleiten seit Jahren renommierte Musiker auf internationale Tourneen. Die jahrelange Berufspraxis kommt uns jetzt zugute.

Nach dem Gig beginnt ein schneller Abbau. Wir wählen die Nummer der Verleih-Firma, rufen atemlos „Taxi!“, ein Kurier fährt vor und wir werden zur nächsten Location gebracht.

4. Die Planung und Logistik hinter 48h Wilhelmsburg

Dieses Technik-Ballett ist für Carsten Wodniczak der Höhepunkt einer intensiven Planungsphase. Als die Band-Auswahl im Februar stand, beriet er das Planungsteam bei der Zuordnung, welche Band aus technischer Sicht am besten zu welcher Location passt. Jeden Spielort hat er persönlich besichtigt, mit jeder Band persönlich telefoniert. Vor neun Jahren, im ersten Jahr des Festivals, sei das bei 16 Spielstätten noch einfacher gewesen. Aber bei mittlerweile 61 Orten bedarf es einer generalstabsmäßigen Planung. Da gebe es nicht nur für alles einen Plan, sondern für vieles auch einen Plan B, zum Beispiel für den Fall, dass wegen Regens Open-Airs in überdachte Räumlichkeiten verlegt werden müssten.

Da sich die Besetzungen der Bands mitunter auch kurzfristig noch änderten, müsse in der Planung entsprechend reagiert werden. Werden Orte auch in Folgejahren bespielt, teilt er dafür nach Möglichkeit dasselbe Personal wie im Vorjahr ein. Auch die Zusammensetzung der Crews bleibt alljährlich die Gleiche. Sein Unternehmen besteht 30 Jahre und es mache ihm große Freude, dass jeder Tag anders sei, versichert Carsten Wodniczak. Gleichzeitig zum diesjährigen Festival war beispielsweise ein Landesparteitag Kunde. Das Tagesgeschäft darf neben dem Festival nicht zu kurz kommen. Seine Haltung zu Notfällen: “Wenn's brennt, sind wird da!“ Entscheidend sei für ihn, dass alle seine Mitarbeiter mit ganzem Herzen dabei seien und auch seine Kinder seine Arbeit wertschätzten. Vier waren in diesem Jahr dabei. Eine Tochter brachte Fachwissen aus dem Studiengang Hazard Control ein, der Jüngste half beim Kabelaufwickeln. Der familiäre Zusammenhalt mache für ihn den Unterschied, auch unter den Kollegen in seinem Betrieb. Man unterstütze sich wie in einer guten Familie. So könne man an größere Aufgaben herangehen.

 5. Die kuriosesten Geschichten zum Schluss

Lachend erinnert sich Carsten an die Anfänge von 48h. Für ein Konzert auf der obersten Etage eines Parkhauses wurde das Material mit einem 7,5-Tonner gebracht. Da aber die Zuwegung zur obersten Ebene zu eng war, musste im Parkhaus auf Sprinter umgeladen werden.

Wer Death-Metal hören mochte, wurde in der Sparkasse glücklich.

Und dann sollte da mal ein Auftritt im Vereinshaus eines Kleingartenvereins sein. Dass die Zuwegung in keinem Stadtplan zu finden war, konnten die ortskundigen Fahrer noch ausgleichen, nicht jedoch die mangelnde Stromversorgung. Zu seiner Überraschung stellte das ankommende Team fest, dass diverse Kühlschränke angeschlossen waren. Eilig wurde ein Generator geordert, der nun schnell an den Start gehen sollte. Dabei ging der Techniker mit solcher Entschlossenheit vor, dass das Seil des Generators riss. Das war's dann leider endgültig mit dem Strom.

Es wurde aber ein schönes Unplugged-Konzert.

Erstmalig wird in diesem Jahr das Floß Schaluppe auf den Wasserstraßen Wilhelmsburgs gerockt. Unterwegs muss man sich in Anbetracht des verfügbaren Stroms noch etwas zurückhalten. Kaum angelegt, wird an den Landstrom angedockt, die PA kurzerhand für die dort jubelnden Gäste Richtung Kai gedreht und der Lautstärkepegel steigt an. Nach dem Konzert rockt man wieder leiser zusammen mit den mitreisenden Passagieren an Bord und weiter geht's zum nächsten Ankerplatz.

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