Schrottpresse
Feature
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19.05.2020

Wieso wir immer wieder die gleichen Lieder hören

Und warum unser Gehirn das auch noch belohnt

Jeder kennt es: das neue Album der Lieblingsband wird rauf und runter gehört, die Spotify-Playlist spielt zum 20. mal innerhalb einer Woche. Obwohl das Finden neuer Perlen im Musikhimmel jedes mal ein Highlight ist, greifen wir immer wieder auf Altbekanntes zurück. Woran das liegt und wieso das Verhalten vor allem im Alter schwerer zu ändern ist, lässt sich relativ einfach erklären

Im Alter festigen sich unsere Interessen, die sich im Laufe unseres Lebens herauskristallisiert haben. Während wir in der Jugend ständig neue Styles, ob Frisur, Outfit oder Subkultur, ausprobiert haben, schwindet die Lust am Entdecken mit der Zeit langsam. Das selbe in der Musik, laut einer Befragung von 1000 Deutschen durch den Musikstreaminganbieter "Deezer", nimmt die Lust neue Songs zu finden mit 31 Jahren ab. Hat das alles nur mit den Lebensumständen im Alter zu tun, in denen man gefestigter erscheint und mit Familie, Job und Sozialleben weniger Zeit für Neues hat? Mitnichten! 

Musik kann viel Dopamin ausschütten

Unser Gehirn ist bekannt dafür, Strukturen und Zusammenhänge abzuspeichern. Wir speichern Gegenstände oder Lebewesen nicht als Ganzes ab, sondern unser Gehirn merkt sich Formen und Eigenschaften, die man mit diesen assoziieren kann. Genauso verhält es sich mit der Musik. Töne werden im auditiven Kortex verarbeitet. Dort werden dann Musikmuster, Rhythmen, Arrangements, usw. katalogisiert. Wenn wir einen Song verinnerlichen und mehrmals hören, werden diese Eigenschaften des Songs abgespeichert. Beim nächsten Hören muss unser Gehirn daher weniger arbeiten, da er auf Bekannte Muster zurückgreift - und belohnt uns mit Dopamin. Diese Neurotransmitter werden auch bei unseren stärksten Emotionen aktiviert, weshalb Musik auch so starke Emotionen hervorrufen kann.  

Unser Gehirn möchte effizient arbeiten

Um so wenig Energie wie notwendig zu verbrauchen, sucht unser Gehirn nach Sachen, die es bereits kennt. Daher sind auch manche Gewohnheiten, schwer hinter sich zu bringen. Denn der Dopamin Ausstoß, wenn wir zum 1000. einen Track hören, unsere Lieblingssüßigkeit verschlingen oder neue Likes auf Instagram bekommen, wird da sein. Daher bleiben wir auch gerne einer gewissen Musikrichtung treu. Wir kennen schon viele Beats und schon nach wenigen Klängen eines neues Songs stellt sich ein Glücksgefühl ein.

Es kennt wohl jeder folgendes Szenario: beim ersten mal Hören eines neuen Albums oder Lieds hält sich die Begeisterung in Grenzen. Beim fünften Anhören wirkt das Lied auf einmal komplett anders und lässt einen in der Musik versinken. Das selbe Prinzip lässt sich auch auf das eigene Lieblings-Genre umwälzen. Schon nach dem ersten Riff eines davor noch nie gehörtes Liedes kommen die Emotionen hoch - unser Gehirn erinnert sich an ähnliche Riffs aus anderen Liedern - schon kommt es zum Ausstoß einer guten Menge Dopamin.

Dopamin wird allerdings auch ausgeschüttet, wenn wir etwas ganz neues, z.B. experimentelle Musik, hören. Da die Neuronen bei ihrer Ausschüttung allerdings auf keine bekannten Verbindungen treffen, kann das auch zu negativen Emotionen führen. Eine ausführliche Erklärung liefert dabei Jeremy D. Larson in einem Beitrag für das Onlinemagazin "Pitchfork".

Mit dem Alter lässt Entdeckungsdrang nach

Neue Gewohnheiten sind dagegen anstrengend, das Gehirn muss neue Verknüpfungen bilden. Vor allem im Alter, vergeht die Lust, neue Muster zu katalogisieren. Die Anzahl an Daten die wir in unserem Leben aufnehmen, nimmt stetig zu, da kann der Entdeckungsdrang leicht darunter leiden. Laut der anfangs angeführten Umfrage von Deezer, gaben 72 Prozent der Befragten an, in ihrem Musikgeschmack festgefahren zu sein. Knapp ein Drittel sagte, dass sie kaum Musik außerhalb des Lieblingsgenres probierten. Immerhin 39% gaben an, in Zukunft mehr Zeit für das Finden neuer Musik aufwenden zu wollen. 

Warum wird dennoch neue Musik hören sollten

Auch wenn das Gehirn lieber den einfacheren und bekannten Weg bestreiten möchte, der viel Glück und wenig Risiken mit sich bringt, sollten wir die Courage mitbringen, Neues zu probieren. Die Welt dreht sich weiter, jeden Tag kommen tausende neue Lieder heraus. Die Kultur verändert sich auch stetig. Bei dieser Fülle an tollen Liedern wäre es schade, nicht mal wieder über den eigenen Tellerrand zu blicken. Auch wenn wir manche Lieder nur auf Anhieb mögen, weil wir etwas ähnliches schonmal gehört hat, war die Entdeckungsreise jeden Schritt wert. Und durch das wiederholte Hören neuer Musik und neuer Musikrichtungen, bilden sich wieder neue Verknüpfungen im Gehirn, die früher oder später besondere Emotionen hervorholen könnte. Manchmal dauert es Jahre, bis man eine neue Musikrichtung feiert - und jetzt möchte man ohne diesen Richtung nicht mehr leben. Das war es dann definitiv wert!

Weshalb wir Wiederholung in Musik mögen

Eine gute Veranschaulichung zu diesem Thema hat auch der Youtube Kanal Vox gebracht, in dessen Video erklärt wird, wieso wir Wiederholungen in Musik feiern. 

Veröffentlicht am 19.05.2020

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