Hersteller_Yamaha
Test
3
27.08.2015

Yamaha reface CP Test

Vintage Stage-Piano

Pocket-Size E-Piano

Das Yamaha reface CP trägt nicht ohne Grund zwei Buchstaben in der Modellbezeichnung, die Legendenstatus haben – seit den berühmten elektroakustischen Pianos CP-70 und CP-80 aus den Siebzigern stehen sie bei Yamaha für die Gattung der Stage-Pianos, also transportable Bühnenklaviere. Doch während die Großeltern CP-70 und CP-80 einem ausgewachsenen Flügel in puncto Gewicht und Größe recht nahe kommen und auch die aktuellen Spitzenmodelle wie das CP4 STAGE auf Hammermechanik-Tastaturen im Vollformat bauen, ist das reface CP eine Art Miniaturausgabe, die eine bislang unbesetzte Nische füllt: Vintage E-Pianos für den ultramobilen Lifestyle.

Die reface-Serie, mit der Yamaha neuerdings den Markt aufmischt, ist in vier Varianten erhältlich. Zu den beiden Synthesizern reface DX und reface CS gesellen sich die Orgel reface YC und eben das hier getestete Piano reface CP. Bisher gab es kein Gerät mit den Eigenschaften des CP, Yamaha scheint hier etwas Neuartiges geschaffen zu haben. Mir fällt unweigerlich das Korg Micropiano ein, das als Miniatur-Flügel nur kurze Zeit auf dem Markt war, bevor es sang- und klanglos wieder verschwand. Ob Yamahas Konzept des Westentaschen-Pianos schlüssiger ist und welche klanglichen Qualitäten in dem etwa 400 Euro teuren Zwerg stecken, soll dieser Test zeigen.

Details

Gehäuse und Anschlüsse

Der Karton, in dem das reface CP daherkommt, könnte auch eine große Puppe beherbergen: Barbie mit Pferd zum Beispiel. Doch war ich beim Öffnen des Kartons gedanklich noch beim Kinderspielzeug, halte ich kurz darauf ein Instrument in der Hand, das mit Barbies nicht mehr viel zu tun hat. Gut, irgendwas an den Größenverhältnissen irritiert mich, vermutlich die kleinen Tasten. Aber den Style hat sich das CP bei den ganz Großen abgeschaut.

Ein erstaunlich stabil wirkendes, schwarz-graues Kunststoffgehäuse mit einer matten, etwas rauen Oberfläche umrahmt 37 Minitasten und ein silbernes Panel, das in seinem Retro-Look wirklich stilecht ist. Zwei Fader, drei Kippschalter und neun Potis versprühen den Charme, den vor vierzig Jahren Instrumente wie das Fender Rhodes oder das Wurlitzer A200 prägten. Wie das Letztere bringt auch das Testgerät links und rechts kleine Lautsprecher hinter Lochblenden mit. Klar, das hier ist Plastik und nicht Holz mit Tolex-Bezug, dafür wiegt das reface CP eben auch nicht 80 kg, sondern nur 1,9 kg. 

Beim Auspacken fällt mir neben dem Netzadapter noch eine kleine Kabelpeitsche in die Hände – ein siebenpoliges Y-Kabel adaptiert die passende Buchse auf der Rückseite auf MIDI In und Out. Anschlussseitig hat man beim Testkandidaten an alles Nötige gedacht: Neben besagtem MIDI-Anschluss gibt es USB, einen Kopfhörerausgang, Line-In als Miniklinke, Line-Out links und rechts als 6,3-mm-Klinke, einen Anschluss für ein Sustainpedal und die Buchse für das 12V-Netzteil. Sogar an ein Secu-Lock hat man gedacht, also eine Diebstahlsicherung wie bei Laptops – gar nicht unberechtigt, denn das reface CP ist so klein, dass es unter einer dicken Jacke locker verschwinden kann.

Wer mit dem CP unterwegs Spaß haben möchte, kann das Gerät mit sechs Mignon-Zellen speisen. Die benötigt man auch, wenn man es mobil als MIDI-Keyboard nutzen möchte, denn eine Stromversorgung über USB gibt es leider nicht.

Bedienung

Das reface CP bietet ein kompromissloses Interface: What you see is what you get. Es gibt kein Display, noch nicht einmal Buttons zum Navigieren oder irgendeinen Hinweis auf versteckte Funktionen. Die Stellungen der Schalter und Potis zeigen in Verbindung mit den zehn LEDs den aktuellen Status des Instruments an, ebenso wie bei einem der elektromechanischen Urväter oder einem analogen Bodentreter. Das finde ich konsequent und grundlegend sympathisch. Trotz seiner digitalen Klangerzeugung wirkt das Instrument dadurch wie ein Relikt aus den Siebzigern, als sei es erst jetzt entdeckt worden.

Die beiden Fader sind für Volume und Oktavbereich-Verschiebung, ein Poti dient zur Auswahl eines der sechs verfügbaren Sounds, daneben gibt es einen stufenlos blendbaren Verzerrer. Dann kommt die Effekt-Sektion: Tremolo und Wah, Chorus und Phaser, Delay und Tape-Echo teilen sich jeweils zwei Regler für Depth und Rate/Speed/Time und lassen sich über besagte Kippschalter aktivieren, was eine rote LED auch anzeigt. Ganz rechts findet man das Poti für den Hallanteil des in sich unveränderbaren Reverb-Effekts, ebenfalls mit einer LED versehen. Das alles wirkt ebenso schlicht wie übersichtlich. Nie war eine Bedienungsanleitung überflüssiger als bei diesem Instrument, das soll lobend erwähnt sein.

Auch der haptische Eindruck ist durchweg positiv: Die Plastik-Potis wirken Vertrauen erweckend, die Fader haben einen angenehmen Widerstand und die Kippschalter finde ich richtig cool. Obwohl ich also an der Verarbeitungsqualität nichts zu bemängeln habe, treibt mir ein Erscheinungsmerkmal des reface CP doch ein Runzeln auf die Stirn: die Tastatur.

 

Tastatur

Minitasten erleben spätestens seit dem Microkorg eine Renaissance. Bereits in den Achtzigern fand das Mäuseklavier bei Casio und Yamaha Verwendung, heute gibt es mehr Instrumente denn je mit solchen Tastaturen. Beim Microkorg konnte ich es ja noch verstehen, bei den Neuauflagen des MS-20 und des ARP Odyssey schon weniger. Ich sehe auch ein, dass für den mobilen Laptop-Producer eine kleine MIDI-Tastatur à la M-Audio Keystation mini sinnvoll sein kann. Aber warum man in einem Instrument, das vor allem E-Pianos simulieren soll, Minitasten verbaut, verstehe ich tatsächlich nicht. Klar, für unterwegs ist das reface CP perfekt dimensioniert. Aber wer will denn ernsthaft im Zug oder im Flugzeug Rhodes spielen? Erschwerend hinzu kommt der Tastaturumfang. Gab es bei Korgs oben erwähntem Micropiano wenigstens noch fünf Oktaven, muss das reface CP mit dreien auskommen. Ein paar Akkorde kann man darauf schon drücken, aber wirklich pianistisch Rhodes, Wurli oder CP-70 spielen geht eben nicht. Dafür braucht es eine externe, im besten Fall gewichtete Tastatur. Auch wenn Yamaha die Tasten als „High Quality Mini Keys“ bezeichnet und sich das straff gefederte Keyboard tatsächlich einigermaßen dynamisch bespielen lässt, will sich mir der Nutzen dieser Klaviatur im Zusammenhang eines Stage-Pianos nicht erschließen. Oder anders gesagt: Tolles Gerät, aber gibt es das auch ohne Tastatur?

Ich für meinen Teil schließe eine Hammermechanik an die MIDI-Peitsche an und kann jetzt erst so richtig loslegen.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • qualitativ hochwertige Sounds und Effekte
  • übersichtliche Bedienung (WYSIWYG)
  • schicke Retro-Optik
  • gute Verarbeitung
  • extrem transportabel

  • Minitasten in dem Kontext fragwürdig
  • keine Ton-Blende, EQ
  • Sound wird beim Zuschalten der Effekte unterbrochen

Gehört zu dieser Serie

Verwandte Artikel

User Kommentare

Zum Seitenanfang
ZUR STANDARD WEB-ANSICHT X