Software
Test
10
30.12.2020

Andrew Huang Flip Sampler Test

iOS-DAW

YouTube-Star Andrew Huang hat mit Berliner Programmierern eine aufregende Sample-Groove-App entwickelt und liefert die DAW für unterwegs!

Internetstar Andrew Huang aus Toronto hat gerade seine eigene iOS-App kreiert. Hilfe hatte er aus Berlin: Oliver Greschke (Elastic Drums) und Christian Blomert (modStep) brachten viel Erfahrung in der Programmierung von iOS Musik-Apps mit ins Team, während sich Aron DeRoche aus Toronto um das Interface-Design kümmerte.

Details

Flip  ist eine neunspurige Groove-Sampler-App für iOS und hat viele Funktionen an Bord, die wir aus der DAW kennen: parametrischer Equalizer plus vier Audioeffekte pro Spur, Sample-Bearbeitung, Sample-Import, Automatisierung, polymetrisches Looping, Pianoroll, Mixer, Mastering-Kette, Rendering – alles da!

Besonders bestechend ist der schnelle Workflow durch das intuitive User-Interface, dass selbst auf einem iPhone gut funktioniert, auch weil die Entwicklung primär auf das kleinere Smartphone-Format ausgerichtet war und auf das größere iPad erweitert wurde. Zum Test stand die Version 1.03. Die Mindestsystemvoraussetzung ist iOS 10, womit ältere und zu schlappe Geräte gleich von vornherein ausgeschlossen sind.

Die Menütiefe ist einfach und überschaubar und das meiste direkt über den rechten Navigationsbalken erreichbar. Also fangen wir an und klappern alle Navigationsmenü-Icons einzeln ab.

Projekt-Browser

Hinter dem Folder-Icon befindet sich der Projekt-Browser. Hier werden Projekte neu angelegt, bereits programmierte geöffnet, benannt, dupliziert, exportiert oder gelöscht.

Über den Store-Button kommt man auf die Verkaufsseite für Soundpacks. Bisher gibt es vier Soundpacks für jeweils 3,49 Euro, u. a. von Andrew Huang himself. Die Packs können als Demo-Song angehört und neun Sounds einzeln abgecheckt werden. Auch Internet-Celebrity Cuckoo hat ein Soundpack für 4,49 Euro beigesteuert. Weitere sollen folgen. Der Video-Button öffnet einen Kanal zum ausgiebigen Tutorial-Video von Andrew Huang auf YouTube. 

Absolut sehenswert, danach ist die Bedienung des Flip Samplers wahrscheinlich den meisten Usern klar. Weitere Hilfe gibt es durch das Fragezeichen-Symbol ganz oben links im Display. Wenn es aktiviert ist, poppt beim Berühren jedes Objekts ein erklärender Text auf.

Sounds und Samples

Unter ‚Sounds und Samples‘ finden die Soundzuordnung und -bearbeitung statt. User können auf einen kleinen internen Soundpool im Stock-Folder zurückgreifen, Soundsets dazukaufen, eigene Sounds via iCloud importieren oder auch selbst sampeln. Das klappt sehr gut. Wer also eine brauchbare Sound-Library auf dem Computer hat, kann sich ruckzuck seine eigenen Soundsets bauen. 

Selber samplen geht super einfach über das iPhone-Mikrofon. Bei den Samples können Start- und Endpunkt easy angepasst werden, wobei Flip in den meisten Fällen den Startpunkt bereits richtig erahnt.

Sample-Nachbearbeitung und Einstellungen

Pro Sound/Pad/Track stehen zur Bearbeitung eine ADSR-Hüllkurve, ein parametrischer Dreiband-EQ mit wählbarer Filtercharakteristik sowie eine kleine FX-Suite mit vier Blöcken zur Verfügung (Bitcrush, Chorus, Filter und Delay). Die Effektblöcke können in ihrer Reihenfolge frei verschoben werden. Weil auch in der Sample-Page alle neun Sounds als Pads im rechten oberen Viertel spielbar sind, reicht oft diese Seite aus, um schnell einen einfachen Groove zu programmieren.

Pads

Schöner ist das Spielen natürlich über die Pad-Page mit ihren extra-großen Pads. Diese können in den Einstellungen übrigens für Pitch und Velocity freigeschaltet werden. Je nach Anschlagsposition wirkt sich diese dann auf Tonhöhe (horizontale X-Achse) und Anschlagsdynamik (vertikale Y-Achse) aus. Mit etwas Übung gelingen so sehr organische Grooves.  In den Einstellungen werden auch das Tempo, die Swing-Intensität und die Lautstärke des Metronoms festgelegt und Ableton Link aktiviert, ohne das heutzutage keine ernsthafte Musik-App mehr daherkommen darf.

Pianoroll Editor

In der Pianoroll-Page können nicht nur alle Noten gesehen und editiert werden, hier finden sich auch mächtige Verbündete zur Bearbeitung der Anschlagsdynamik und kompletten Automation eines Patterns. Die Piano-Roll lässt sich dank Zoomfunktion in der Größe anpassen. Dennoch ist diese immer noch so winzig, dass das größere iPad gegenüber dem iPhone hier klar im Vorteil ist. Der jeweilige Channel wird direkt auf der Seite per Popup-Menü angewählt.  

Minitastatur mit doppeltem Manual

Über eine Minitastatur können Melodien und Akkorde gespielt werden. Diese besteht aus zwei eineinhalb-oktavigen Manualen, deren Tonhöhen in Oktavschritten separat veränderbar sind. So ist auch das gleichzeitige Spielen von Basslinien und hohen Melodien mit einem Sound möglich. Clever!

Automate

Wir bleiben vorerst in der Pianoroll, denn jetzt geht der Spaß erst richtig los: Alle Parameter lassen sich in der „Automate“-Sektion der Pianoroll-Page automatisieren, nicht nur Filter und Delay, sondern auch samplespezifische Einstellungen wie Pitch, Reverse und Start. Natürlich auch die Hüllkurve. Einfach drauflosmalen und hören, was passiert. Oder schmeißt den Würfel und get lucky: Wenn das Würfel-Icon über dem Tape-Symbol auf der linken Seite erscheint, kann es auf jeden aktuell angewählten Parameter angewandt werden. Bei Unzufriedenheit gibt’s den vorherigen Zustand durch die Undo-Funktion sofort zurück. Und wenn ein Parameter wieder gerade gezogen werden soll, einfach lange mit dem Finger in das Automations-Spielfeld halten.

Mixer

Zum Mixer gibt’s nicht viel zu sagen. Er ist sehr einfach im klassischen Mischpult-Layout gehalten. Pro Kanal gibt es einen Volumefader, einen Pan-Pot, einen Reverb-Send-Regler sowie Solo und Mute-Buttons. Funktioniert. Weiter!

Mastering

Ja, Flip hat seine eigene kleine Masteringkette mit Maximizer, Limiter, parametrischem Dreiband-Master-EQ und Spektrum-Analyzer. Letzterer wird mit dem kleinen Button unten rechts aktiviert und flackert dann im Equalizerfeld, wie man es z. B. von Ableton’s EQ Eight kennt. Tatsächlich kann man mit diesen drei Tools den Sound enorm aufwerten.  Den zu besendenden Reverb-Effekt finden wir ebenfalls auf der Masteringpage. Kein besonders edler Hall, aber völlig ausreichend für so eine kleine Groovebox-App. 

Arrangement

Ebenso durchdacht ist das Arrangement-Fenster, das nach dem klassischen Patternchain-Prinzip funktioniert, nur intuitiver. 

Bis zu 16 Pattern können mit dem Flip erstellt werden. Kopieren geht einfach durch das Ziehen eines Patterns auf einen anderen Slot, egal ob der noch frei oder bereits belegt ist. Zum Arrangieren werden die gewünschten Patterns einfach in das „Order“-Feld gezogen und in der angelegten Reihenfolge abgespielt. Hier sind auch mehr als 16 Pattern-Wiederholungen möglich.

Ist die Patternchain einmal durchlaufen, setzt sie wieder von vorne an. Es darf aber auch munter zwischen den Patterns im Patternsfeld (loopen einfach durch) und im Order-Feld (starten die Chain ab dem gewählten Pattern) hin und her gesprungen werden. 

Performance-Page

Dies ist der wahre Playground von Flip: Links liegen die bis zu 16 Patterns parat, rechts warten vier Echtzeitkontrollregler auf ihren Einsatz. „Random“ ist ein Stutter-Effekt, „Pitch“ funktioniert wie ein Pitchbender über zwei Oktaven und „Reverb“ öffnet den Masterhall-Effekt. Gut: Die Slider springen nach Bedienung wieder auf ihre jeweilige Null-Position zurück, können aber mit dem Pin-Symbol „festgenagelt“ werden. Bei meiner Version sprangen die Werte jedoch nach dem Fixieren nicht immer wieder auf die Null-Funktion zurück. Wahrscheinlich ein kleiner Bug dieser ansonsten schon sehr stabilen ersten Version.

 

 

Vom Rendern und Teilen

Wie schon erwähnt, eine große Stärke des Flip Samplers ist das Rendern eines Projects und das Ausspielen als Stems. Spontan entstandene Jams können somit in die DAW des Vertrauens als Audiospuren exportiert und weiterproduziert werden. 

Zwei Wege führen zum Ziel: Mit dem Export-Button im Arrange-Menü wird die Patternchain mit allen Automationen einmal durchgerendert, entweder nur die Master-Summe oder dazu auch noch die einzelnen Stems.

Soll auch Live-Action aufgenommen werden, drücken wir das Tape-Symbol über den Transportfeldern auf dem linken Seitenstreifen und können nach Herzenslust übers iPhone-Display schubbern, muten und mit den Performance-Fadern abfahren – alles wird mit aufgezeichnet. So habe ich die Audiobeispiele der Demosongs und Eigenkreationen aufgenommen und als zip-File via Dropbox an mein MacBook verschickt.

Andere Möglichkeiten des Teilens sind Dienste wie AirDrop, Mail und diverse Social-Media-Kanäle wie WhatsApp oder Facebook Messenger. 

Ich teile sie heute mit euch über die Bonedo-Seite. Im Folgenden gibt es drei Soundexperimente von mir sowie alle im Flip Sampler enthaltenen Demosongs. Viel Spaß beim Hören!

Was fehlt?

Flip ist konzipiert worden, um schnell und spontan komplette Songs in einer einzigen App zu komponieren und in der DAW weiterbearbeiten zu können. Das funktioniert ganz hervorragend. Dennoch soll es in nicht allzu ferner Zukunft auch eine AUv3-Version geben, um andere iOS-Musik-Apps einzubinden. Das gleiche gilt für MIDI-in/out/sync. 

Ein XOX-Stepsequenzer für Drums wäre ebenfalls prima. Vor allem aber fehlt die Android-Version: Flip gibt es derzeit nur für iOS-Geräte.

Interview mit  Oliver Greschke, Co-Entwickler von Flip

  • Bonedo: Erst einmal Glückwunsch zu dieser tollen App mit ihrer intuitiven geradlinigen Bedienung, den vielen Features und der Möglichkeit zum Stem-Export.
  • Greschke: Das freut mich natürlich sehr zu hören. Stem-Export war uns wichtig, weil wir Flip als ein Instrument für unterwegs, als ein Tool für intuitive Ideenumsetzung, mit späterer Weiterbearbeitung auf dem Rechner begreifen.
  • Bonedo: Wie kam die Zusammenarbeit mit Andrew Huang und dem Rest des Teams zustande?
  • Greschke: Andrew Huang kontaktierte mich wegen meiner iOS-Apps „Elastic Drums“ und „Elastic FX“. Es folgten mehrere Skype Calls, und ein Treffen bei der Superbooth 2018. Schon seit mehreren Jahren teile ich mir mit Christian Blomert und seinem Kompanion Pascal Kaap (Zerodebug, Touchable, Modstep, Soda, Studiomux) ein Büro. Da wir schon immer ein Projekt zusammen machen wollten und sie außerdem ein Crossplattform Audioframework selbst entwickelt hatten, wusste ich, dass dies die Gelegenheit ist, endlich mal was zusammen zu machen. Es folgten über zwei Jahre mit zig Skype-Gesprächen, bei denen wir zusammen das Konzept von Andrew weiterentwickelten und verfeinerten und natürlich von unseren Fortschritten und Problemen berichteten.
  • Bonedo: Entwickelt Ihr Flip noch weiter und was darfst du bereits verraten?
  • Greschke: Klar entwickeln wir Flip weiter, zusätzlich sehr motiviert von dem überaus erfolgreichen Start. Als Erstes werden wir bestehende Bugs ausmerzen und kleine Verbesserungen wie etwa bei der Pitch-Detection einführen.Resampling für Master-Aufnahmen ist fertig und wird im nächsten Update sein. Auch über Resampling für einzelne Sounds, Multisamples in einem Kanal und einen XOX Sequenzer haben wir bereits diskutiert, ebenso über eine mögliche Android-Version. Im Velocity-Fenster wollen wir noch einen zweiten Screen mit Note Probability einbauen und auf vielfachen Wunsch werden wir die Begrenzung auf vier Takte pro Pattern erweitern. Ebenfalls auf unserer To-do-Liste: MIDI In/Out und MIDI-Sync und IAA/Audiobus zur besseren Anbindung an andere Apps. Später wird es sehr wahrscheinlich auch eine AUv3-Version geben. Da das aber ein größerer Umbau ist, wird das eine Weile dauern.
  • Bonedo: Vielen Dank für das Gespräch und gutes Gelingen. 

Interview mit Andrew Huang, Initiator von Flip

In diesem ausführlichen Interview mit Jakob Haq gibt Andrew Huang einige interessante Einblicke in den Entwicklungsprozess von Flip. Making of Flip Sampler – Interview mit Andrew Huang 

Fazit

Der Flip Sampler ist eine runde Sache und eine klare Empfehlung für jeden elektronischen Musiker, der ein kleines Studio für die Hosentasche gebrauchen kann. Das Interface ist super durchdacht, einfach und intuitiv zu bedienen, ideal für spontane Ideen, mit weitreichenden Möglichkeiten zur Programmierung und klanglichen Verfeinerung. Die App selbst ist zwar „Standalone“ und erlaubt derzeit noch keine Interaktion mit anderen Apps, „in the box“ ist trotzdem noch lange nicht Schluss, denn dank Stem-Export kann der Spaß ohne große Umstände in der großen DAW weitergehen. Flip ist damit weit mehr als eine weitere musikalische Spielzeug-App, sondern ein ernsthaftes Tool zur Komposition und Musikproduktion und funktioniert sogar auf dem kleinen Display des iPhone ganz prächtig. Leider (bisher?) nur auf iOS-Geräten. Den Flip-Slogan „Make music everywhere“ kann ich nur unterstreichen. Klare Kaufempfehlung!

www.flipsampler.com

  • Pro
  • Sehr intuitives User-Interface, funktioniert auch auf dem iPhone
  • Nachbearbeitungsmöglichkeiten wie in einer DAW
  • Mini-Tastatur mit zwei Manualen
  • Voll ausgestatteter Pianoroll Editor
  • Flexibler Arrangiermodus
  • Import eigener Samples
  • Export von Stems via Dropbox, iCloud etc.
  • angemessener Preis
  • Contr
  • Kein XOX-Style-Stepsequenzer
  • Ein paar kleinere Bugs und Inkonsistenzen
  • Features
  • neunspurige Groove-Box-Sampler-App für iOS 10
  • intuitives und geradliniges User-Interface, optimiert für iPhone
  • Samples können chromatisch und polyphon gespielt werden
  • direktes Sampling via iPhone-Mikrofon
  • 16 Patterns pro Projekt
  • maximal vier Takte pro Pattern
  • intuitives Patternchaining per Drag-and-drop
  • parametrischer Dreiband-Equalizer und vier Effekte pro Kanal
  • Amp-Hüllkurve pro Kanal
  • Reverb-Send Effekt
  • Automation für jeden Parameter
  • DJ-Style Performance-Parameter
  • Mastering-Kette mit Maximizer, Limiter und parametrischem Dreiband-Equalizer
  • Export von Mastertrack und Stems
  • Import eigener Samples via iCloud
  • In-App-Purchase für exklusive Soundsets
  • Preis
  • EUR 8,99
Veröffentlicht am 30.12.2020

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Sehr intuitives User-Interface, funktioniert auch auf dem iPhone
  • Nachbearbeitungsmöglichkeiten wie in einer DAW
  • Mini-Tastatur mit zwei Manualen
  • Voll ausgestatteter Pianoroll Editor
  • Flexibler Arrangiermodus
  • Import eigener Samples
  • Export von Stems via Dropbox, iCloud etc.
  • angemessener Preis

  • Kein XOX-Style-Stepsequenzer
  • Ein paar kleinere Bugs und Inkonsistenzen

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