Software
Test
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29.06.2018

Praxis

Installation und Testumgebung


In Arturias Lizenz- und Softwareverwaltungssystem Arturia Software Center verläuft die Installation erwartungsgemäß problemlos. Nach Eingabe der Lizenznummer werden die Bundles aktiviert und der Download beginnt, den man bei Bedarf auch anhalten und fortführen kann. Der Pfad des Download-Ordners lässt sich in den Einstellungen des Software Centers anpassen. Updates werden ebenfalls bequem über die Software heruntergeladen. Der Test wurde durchgeführt auf einem Macbook Pro Mid 2012, 2,3 GHz Intel i7 Quad Core mit 16 GB RAM. Als DAW nutze ich Logic Pro X 10.4 und dementsprechend die AU-Varianten der Plug-ins. Die Plug-ins laufen aber auch in jeder  VST2.4/VST3/AAX/-fähigen DAW.

Sinnvoll angepasstes Preamp-Bedienkonzept 

Das Design der Plug-ins wirkt auf den ersten Blick originalgetreu, die 19-Zoll-Bauweise des A-Range und 1073ers wurde in der Plug-in-Variante kompakter zusammengefasst. Und auch die Bedienung unterscheidet sich mehr oder weniger von den Vorbildern. Da es sich um Software handelt, die zumeist mit der Computermaus bedient wird, ist das durchaus positiv. Konkret: Die 1073-Emulation verzichtet auf die typische Neve-EQ-Bedienung, die Frequenz und Gain an einem Bedienelement bzw. derselben Position ermöglicht. Was an der Hardware durchaus praktisch ist, könnte bei der Bedienung mit der Maus zu versehentlichen Parameteränderungen führen. Das stört mich beispielsweise bei den Neve-Emulationen von Waves Audio. Daher macht es Sinn, dass diese beiden Parameter auf getrennten Potis liegen. 

Apropos getrennte Potis: Deaktiviert man mit dem Stereosymbol den Link-Modus, lassen sich linke und rechte Seite mit den jeweilig angeordneten Potis getrennt voneinander regeln, was beim Mixen hilfreich sein kann; Gleiches gilt für den M/S-Modus. Die grundlegende Bedienung der Preamps ist selbsterklärend: Mit den Input Gains wird das Signal so lange („vor“-)verstärkt, bis die gewünschte Sättigung erreicht ist. Mit dem EQ lassen sich in dem Signal deutliche Färbungen erreichen, die je nach Preamp zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Leider hat man bei den Nachbildungen die Pre- und Post-Funktion weggelassen, die man bei Trident und Neve normalerweise vorfindet. Mit dieser würde sich der Amp auch wahlweise nach den EQ schalten lassen.

Automatic Gain Control

Reindrehen und gut fühlen: Die Preamps verfügen über eine automatische Pegelanpassung. So lassen sich die Inputs „ohne Rücksicht auf Verluste“ aufdrehen und man muss sich keine Gedanken über unerwünschtes Clipping machen. Bedeutet: Der Input Gain kann ohne Probleme bis zur maximalen Sättigung aufgedreht werden und der Output wird äquivalent zurückgenommen. Das macht die Bedienung einfacher, als es in der Realität mit echter Hardware ist. Ein brauchbares Feature, das sich allerdings nicht deaktivieren lässt. Schade finde ich, dass sich der Output-Regler nicht visuell mitbewegt. Das würde ein manuelles Nachjustieren vereinfachen.

Klang der Preamps – Satter Sound in drei Varianten

Bei der Nutzung solcher „Preamp“-Plug-ins geht es natürlich nicht mehr um das reine Vorverstärken des Materials, um einen Arbeitspegel zu erreichen, sondern darum, den Klangcharakter zu färben. Und genau das erreicht man mit allen drei Testkandidaten. Die Signale erhalten allein mit dem Input-Gain einen satten, obertonreichen Sound, mehr „Zerre“ und werden je nach Stärke des Gains auch komprimiert.

Die Sättigung des 1973-Pre eignet sich meiner Ansicht besonders dann, wenn der Sound noch „punchy“ und dynamisch bleiben soll. Die Zerre ist bissig und klingt weniger „glattgebügelt“, wie es bei den anderen beiden Preamps der Fall ist. Sowohl beim V76-Pre als auch beim TridA-Pre wirkt das Signal früher dicht komprimiert. Für einen offenen, natürlicheren Charakter würde ich – was die Sättigung angeht – zum 1973-Pre greifen. Im Saturation-Vergleich mit den beiden anderen Preamps fällt auf, dass das Signal lebendiger bleibt und mehr Tiefe verliehen bekommt. Die beiden Überträger-Varianten, die sich mit Type umschalten lassen, liefern nochmals deutliche Unterschiede und bieten somit mehr Optionen bei der Klanggestaltung der Saturation. Durch die Neve-typischen Eckfrequenzen kommt man mit dem EQ schnell zu erwartungsgemäßen Ergebnissen. Besonders beim Boosten der Mitten erreicht man schnell einen durchsetzungsfähigen Sound, der aber dennoch nicht stressig wird. Der High-Shelf greift mir persönlich etwas zu harsch, besonders bei viel Input-Gain.

In den folgenden Klangbeispielen hört ihr Teile einer Remix-Produktion, an der ich zum Zeitpunkt des Tests arbeite. Zunächst hört ihr das Ausgangsmaterial, daraufhin mit Preamp (Type 1 und 2) und zu guter Letzt mit Preamp und EQ. Bei den Drums kam das Plug-in sowohl in der Gruppenspur als auch auf den einzelnen Drum-Kanälen zum Einsatz. In der Summe des gesamten Songs habe ich mittels M/S zu guter Letzt noch die Seitensignale in den Höhen geboostet und die Tiefen des Mittensignals angehoben.

Inwieweit der 1973-Pre im Vergleich zu Hardware-Geräten klingt, hören wir uns im weiteren Verlauf des Tests an. Weiter geht’s mit dem V76. Dieser überzeugt eher mit weichen, sanften Ergebnissen. Das kommt zum einen durch seine Sättigung, deren Röhrencharakter grundsätzlich gut umgesetzt wurde. Das Signal wird mir allerdings zu schnell platt, wenn man den Input aufdreht. Wer also viel Zerre möchte, muss mit einem glattgebügelten Signal rechnen. Der EQ eignet sich am besten für eine „HiFi-Badewanne“, also gleichzeitige Anhebung der Höhen und Tiefen. Dabei kommt der typische Loudness-Effekt von Stereoanlagen raus. Nur, dass es beim V76-Pre teuer klingt. Doch auch Höhen klauen kann er gut, weshalb man ihn auch gut zum subtilen Entschärfen von „zischelnden“ Signalen nehmen kann. Durch seinen simplen Aufbau kann man nicht wirklich viel falsch machen.

Beim Trid-A fällt besonders auf, dass er bereits mit subtilen Einstellungen zu deutlich aufgewerteten Ergebnissen führt. Das gilt zunächst für die Saturation, die sich eher für unauffällige Wärme eignet als für starke Zerre. Aber auch der EQ greift sehr schnell zu und benötigt daher nur sanfte Settings. Da er zwei semiparametrische Kuhschwanzfilter und Glockenfilter für Bässe und auch Höhen bietet, ermöglicht er – abgesehen von den festgelegten Frequenzen der Low-Pass- und High-Pass-Filter – einen vergleichsweise präzisen Eingriff ins Klanggeschehen. Trotzdem verfällt man natürlich auch mit diesem EQ nie in eine analytische Arbeit, sondern nutzt seinen charakteristischen Klang, der schnell zu einem griffigen, lebendigeren Sound verhilft, ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Neve vs. Warm Audio vs. Arturia vs. Heritage Audio 

Beim Trident A-Range, besonders aber beim Telefunken V76, handelt es sich mehr oder weniger um Raritäten, die mir für einen Direktvergleich nicht zur Verfügung stehen. Den 1973-Pre dagegen konnte ich mit dem aktuellen Modell AMS Neve 1073 SPX, dem Hardware-Klon Warm Audio WA73 und dem Heritage Audio HA 73 Elite vergleichen. Für einen möglichst neutralen Vergleich werden nur die Preamps (ohne EQs) eingesetzt.

Schön beim Arturia-Klon ist, dass man mit den Types die Überträger umschalten kann. So hat man zum einen die dem Original entsprechende Emulation und zum anderen eine etwas aggressivere Variante. Letztere packt für manche Anwendungen allerdings etwas zu hart zu und liefert auch eine andere Färbung, was man besonders bei extrem aufgedrehtem Input merkt. Was deutlich auffällt ist, dass der AMS Neve 1073 SPX schöner auf die Dynamik reagiert und die Ergebnisse ausgewogener klingen. Im Vergleich zum Warm Audio WA-73 ist der Unterschied nicht so deutlich auszumachen. Zumindest nicht so stark, dass ich dafür auf die Vorteile des Plug-ins verzichten würde (multible Nutzung, Total Recall,  Stereobearbeitung, M/S, etc.).

In einem weiteren Vergleich tritt der Heritage Audio gegen den 1973-Pre an. Auch hier sind Unterschiede vorhanden, fallen aber ähnlich dem WA-73 – je nach Ausgangsmaterial – weniger stark auf. Grundsätzlich lässt sich sagen: Je mehr Input-Gain verwendet wird, desto deutlicher sind die klanglichen Unterschiede hörbar. Besonders dann, wenn das Signal attackreich ist und/oder eine große Dynamik aufweist. Dreht man also den Gain so weit auf, dass Zerre deutlich hörbar ist, fällt der kantigere Charakter des Plug-ins auf. Solange man es damit nicht übertreibt, kommt man mit dem Plug-in zu satten und runden Ergebnissen. Zunächst hört ihr den Synth-Bass aus dem Roland SE-02 der vorigen Beispiele. Zunächst durchläuft die Bassline den Heritage HA73 in zwei unterschiedlichen Input-Settings und dann mit zwei vergleichbaren Einstellungen den 1973-Pre. In diesem Beispiel sind die Unterschiede für mein Empfinden verschwindend gering.

Etwas anders sieht es dagegen im Vergleich mit einem dynamisch blubberndem Filterverlauf eines Minimoog Model D aus. Bei höherem Gain und somit zunehmender Sättigung kommt man mit dem Heritage HA73 zu einen deutlich runderen Grundcharakter, den das Plug-in in dem Fall nicht liefert. Besonders bei weit geöffnetem Filter wirkt der Synth extremer zusammengestaucht, was das Ergebnis lebloser wirken lässt. Hier hat die Hardware die Nase vorn.

Ob das Arturia-Plug-in im Allgemeinen nun „analog“ genug klingt, um mit dem Original bzw. den Hardware-Nachbildungen mitzuhalten, ist vielleicht nicht die relevanteste Frage. Meiner Meinung nach fallen die klanglichen Unterschiede verglichen mit den Hardwareklonen gering aus. Man sollte sich selbst die Frage stellen, ob man im Workflow lieber mit einem Hardwaregerät oder mit einem Plug-in arbeiten möchte. Wer ohne Kompromisse den originalen Sound haben möchte, sollte zum Neve greifen. Den gibt es übrigens – für das nötige „Kleingeld“ – auch als Stereo-Gerät. Die Hardwarenachbildung von Warm und Heritage (letzterer ebenfalls Stereo) gibt es bereits für einen Bruchteil des Preises und beide liefern ohne Frage einen soliden Sound ab. Am Ende des Tages konnten mich die Ergebnisse, die ich mit dem 1973-Pre in der Remix-Produktion erzielen konnte, absolut zufriedenstellen. Im Handumdrehen erreicht man einen satten Sound, der dem Material mehr Punch verleiht und mit wenigen Handgriffen das Signal deutlich verbessert. Was will man mehr?

Die Mischung macht’s

Aktuell erhält man die einzelnen Preamp-Plug-ins von Arturia für umgerechnet rund 130 Euro, das Bundle mit allen drei Preamps gibt es zum Straßenpreis für aktuell 195 Euro (Stand: 20.06.2018). Bei den Einzelpreisen lohnt es sich definitiv, zum Bundle zu greifen. Und genau dann hat man eine klangliche Vielfalt, die zum Experimentieren einlädt. So lässt sich beispielsweise die offene, lebendigere Sättigung des 1973-Pre, in der die Dynamik  besser erhalten bleibt, mit den seidigen Höhen und sanften Bass-Anhebungen des V76-Pre kombinieren. Jeder der drei Preamps hat seine Stärken, die man bewusst kombinieren sollte – diese Option ist mit der originalen Hardware nämlich nur renommierten Studios à la Abbey Road vorbehalten.

Charakteristischer Sound der Filter

Die drei Filter-Plug-ins liefern rein charakteristisch ähnliche Ergebnisse, wie man es von den Vorbildern kennt. Allerdings reagieren die Emulationen allesamt anders auf das anliegende Signal als ein Filter, das direkt mit der Filter-Envelope eines Synths verbunden ist. Daher klingen die Ergebnisse immer etwas aufgesetzt, da sie nicht dynamisch auf das anliegende Material reagieren, sondern statisch bleiben. Das Ganze klingt dann in etwa so wie bei Filterfahrten in einer Synthesizer-Sample-Library. Kurz: Es ist einfach nicht das Gleiche! Daher können die Filter besonders bei Synth-Sounds weniger überzeugen. Wenn man mit Hardware-Synths oder Plug-ins arbeitet, nutzt man besser deren interne Filter und die entsprechenden Envelopes. Dennoch ist der grundlegende Charakter der echten Filtermodule erkennbar. Im Folgenden hört ihr einen Roland SE-02, dessen Filter (wie auch der ganze Klon) als Vorbild den Minimoog Model D hatte. Verglichen mit dem Mini-Filter ist die Ähnlichkeit des Ladder-Filters nicht zu leugnen, allerdings interagiert es nun mal nicht mit dem Signal wie ein internes Filter; gleiches gilt für SEM- und M12-Filter.

Viele Modulationswege führen nach Rom

Den großen Pluspunkt verdienen sich die drei Plug-ins mit ihren Modulationsmöglichkeiten. Denn genau damit werden sie zu Kreativ-Tools, die im Handumdrehen statische Signale in geniale Sequenzen verwandeln. Und da sie alle drei völlig unterschiedliche Filter und Modulationsoptionen bieten, erhält man mit dem Bundle reichlich Spielraum, die von einfachen LFO-Wobbles, über Envelope-Follower-Sweeps bis hin zur extremen Klangverfremdung und Noise-Sequencen reichen. Die Bedienoberflächen sehen ihren Vorbildern sehr ähnlich, wodurch man sich schnell eingelebt hat und auch die erweiterten Features sind sehr übersichtlich und intuitiv gestaltet. Die Presets der Filter sind, anders als bei den Preamps, kategorisch aufgeteilt. Sie bieten einen guten Überblick über die Fähigkeiten der Filter und ihre Modulationsmöglichkeiten, wie ihr es in den folgenden Klangbeispielen hören könnt.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Klangcharakter der Preamps
  • Facettenreichtum der Preamps
  • Automatic Gain Control
  • Modulationsoptionen der Filter
  • intuitive Bedienkonzepte

  • EQ-Preamp-Signalfluss nicht änderbar
  • Reaktionsverhalten der Filter

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