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Test
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09.10.2018

Praxis

Paraphone analoge Synth-Engine mit gewissem Extra

Interessant wird es in der analogen Engine des Neutrons. Diese besteht aus zwei einzelnen Oszillatoren, die auf einem Nachbau des bekannten CEM3340 Chip basieren. Zurückblinkend findet man diesen in Synthesizern, wie dem Roland SH-101, Sequential Pro-One oder auch dem Oberheim OB-Xa. Heute wird dieser legendäre Chip von ‘CoolAudio’, einer Firma, die auch der MusicGroup angehört, wieder produziert. So ist es logisch, dass Uli Behringer vor allem Synthesizer-Nachbauten vorstellt, die diesen Chip beinhalten. Dennoch sorgte die Entscheidung, diesen auch in ein modernes Instrument einzubauen, für eine große Überraschung.

Oszillatoren

Die Oszillatoren mit diesen Chips auszustatten, war meiner Meinung nach die richtige Entscheidung. Kraftvoll und fett klingen sie auf jeden Fall. Tunen kann man sie jeweils mit zwei großen Reglern auf der linken und rechten Seite. Mir persönlich sind diese Regler wie bereits gesagt, zu groß geraten. Die Range des Tunings lässt sich weiter mit Hilfe einer Taste, von 8’, 16’ bis 32’ verändern. Drückt man drei Mal diese, gelangt man in einen Modus, in dem man alle Tunings auf einmal durchgehen kann. Dieser Modus ist vor allem hilfreich, wenn man sehr detaillierte Veränderungen vornehmen möchte, oder für FM-Sounds.

Dem Nutzer stehen im Ganzen fünf verschiedene Wellenformen zu Verfügung: Sinus, Dreieck, Sägezahn, Rechteck und Tone Mod, die man mit dem Shape-Drehregler auswählen kann. Clever ist hier, dass man diesen Vorgang modifizieren kann. Entweder man schaltet die Wellenformen klassisch um, oder man aktiviert die nahtlose Überblendung. Hier drückt man lange auf den Range- Button, bis er blinkt und dann den KeyTrack des Filters. Verändert dieser das Licht der Anzeige sehr smooth, so befindet man sich in diesem Modus. Vorteiles dieser Methode sind: Keine hörbaren Übergänge und man erreicht neue Resultate zwischen den Sounds. Auch lässt sich diese Blendung im Patchfeld modulieren, womit man interessante rhythmische Sounds herstellen kann. Leider ist dieses Feature nicht offensichtlich und man wird als Nutzer gezwungen das Manual zu lesen.

Neben den klassischen Wellenformen, verfügt der Neutron auch über eine Tone Mod-Wellenform, die man als ‘Über’- Rechteck bezeichnen kann. Diese bietet dem Schrauber mithilfe der Shape Funktion, ein weit aus breiteres Spektrum an Obertönen, als alle anderen. Darüber hinaus befindet sich auch in jedem Oszillator ein Regler, mit dem an die Pulsbreite verändern kann. Pulsbreiten Modulation kann man im Patchfeld auch verkabeln. Zwischen den beiden Tuning Knobs befinden sich auch ein OSC-Mix Regel, mit dem man beide Oszillator-Signale zusammenmischen kann. Schade finde ich hier, dass man keinen Mischregler für die einzelnen Signale hat. Damit hätte man etwas mehr Spielraum, wie man die Oszillatoren einstellt.

Außerdem befinden sich noch Buttons für die Oscillator-Sync und Paraphonie im Interface. Ja, der Neutron ist nicht nur rot, sondern auch ein paraphoner analoger Synthesizer. In diesem Modus kann man zwei Noten gleichzeitig spielen und diese werden auf die beiden Oszillatoren verteilt. Ob man diese Funktion nun zwingend benötigt, kann jeder für sich selbst entscheiden. Persönlich würde ich einen OSC FM-Button hier bevorzugen. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die Oszillatoren im Neutron einfach Spaß machen. Steigt man tiefer in die Materie ein, so kann man mit Hilfe des Patch-Feldes und den versteckten Funktionen sehr viele neue Klangfarben designen.

Neben den beiden Oszillatoren kann man zusätzlich einen Rauschgenerator in die Signalkette einbinden. Dieser ist mit dem Sample & Hold fest verkabelt. Alle drei Signalelemente klingen nach meinem persönlichen Empfinden mehr als ordentlich und bieten dem Einsteiger wie auch erfahrenen Soundschrauber viele Möglichkeiten. Dieser kraftvolle Sound, der anschließend in den Filter geht, hat er den bekannten 3340 Chips zu verdanken.


Filter

Kaum zu glauben, aber wahr! Die Behringer-Entwickler können nicht nur alte vintage Synthesizer reproduzieren, sondern auch Neues designen. Beim Filter handelt es sich um eine komplette Neuentwicklung, die den Namen 'Moffatt' Filter trägt. Das Filter wurde von Keith Moffatt (Ingenieur) entwickelt und soll ein eine neue Art von Filter darstellen. Das resonanzfähige Filter ist ein 12dB (2-Pole) Multimode Filter mit Band-, Hoch- und Tiefpass. Zusätzlich ist es möglich einen Notch Filter mit dem Patchfeld anzufertigen, hierfür werden die Filter-Ausgänge summiert. Der Moffatt- Filter besitzt “nur” eine 12dB Charakteristik, klingt aber stellenweise wie ein 24dB Filter was diese Variante überflüssig macht. Gut ist hier, man versucht keinen bekannten Moog- oder Roland-Filter nachzuahmen, sondern hat diesem einen ganz eigenen Sound-Charakter verliehen.

Klanglich konnte das Filter im Test mit diversen Wellenformen überzeugen und hat ausreichend Biss. Dreht man die Resonanz hoch, so fällt der Filter in Eigenresonanz (Self-Oscillation), womit man vor allem im Bereich des Sound Designs schön arbeiten kann. Das Filter lässt sich mit Hilfe des eingebauten Keytrack über drei Oktaven ohne weitere Probleme mit 1V/Oktave ansteuern. Wie bereits zu Beginn kritisiert, ist der Cutoff-Filter in seinem Wirkungsbereich nach meinem Geschmack zu ‘schmal’ geraten. Spielt man länger mit dem Filter herum, so fällt der große Bass-Anteil im Sound auf. Kein Wunder also, dass sich der Neutron auch hervorragend für fette analoge Bass Sounds eignet.

Neben den Klassikern Cutoff und Resonanz, befinden sich auch in der Sektion ein Mod-Depth und ein Env-Depth Regler. Da der LFO wie auch die Hüllkurve 2 mit dem Filter festverdrahtet sind, kann man diese sehr einfach mit den beiden Depth-Reglern nach seinen Bedürfnissen einstellen. Clever, so kann man schnell den Filter mit der Env oder dem LFO modulieren und man muss kein Kabel für diese Funktionsweise zu opfern.


Hüllkurven

Der Neutron besitzt zwei klassische ADSR Hühlkurven, die jeweils auf den Filter und auf die Lautstärke festverdrahtet sind. Diese lassen sich im Patchfeld beliebig auf andere Ziele routen und somit anderes verwenden. Schnell und knackig, so kann man beide identischen Hüllkurven beschreiben. Sie sind perfekt für Bass oder perkussive Sounds geeignet. Dank der semi-modularen Architektur kann man beispielsweise die Hüllkurve auf den Pitch beider Oszillatoren routen. Die Resultate sind knackige Kicks mit einem Hauch Aggression. Etwas schade ist es, dass man keine erweiterten Optionen in den Hüllkurven hat, wie beispielsweise längere Zeiten oder looping. Für Sweeps oder klassische Sounds reichen sie aber vollkommen aus.


Digitaler LFO

Die Entwickler haben sich auch beim LFO etwas einfallen lassen, was seltener in einem analogen Synthesizer zu finden ist. Anstatt auf analoge Schaltkreise zu vertrauen, wird hier ein digitaler LFO verbaut, der bis zu einer Frequenz von 10 kHz steigen kann, also Audio Rate-Modulation. Der LFO ist bi-polar und besitzt fünf verschiedene Wellenformen, die man entweder durchsteppen, oder ähnlich wie bei den Oszillatoren, durchblenden kann. Die zweite Variante ermöglich sehr spannende Zwischenergebnisse die man selten in einem analogen Synth wiederfindet. Hat man einmal den 3/4- Bereich der Geschwindigkeit des LFO’s erreicht, so erhält man sehr digitale und bit-crusher ähnliche Sounds.

Leider verfügt der Neutron nur über einen einzelnen LFO und somit sind die Möglichkeiten etwas eingeschränkt. Will man mehr als ein Ziel modulieren, so kann man das Signal mit Hilfe des Multiplier im Patch-Feld verdoppeln. Eine verbaute Key Sync-Funktion ermöglicht zudem den Zyklus des LFO mit jeder Note neu zu triggern. Dennoch war es eine clevere Entscheidung einen digitalen LFO einzubauen, da dieser genauer arbeitet und mehr Flexibilität bietet.


Effekte

Nachdem das Signal zum Filter weitergeleitet wurde, geht es anschließend weiter zur Overdrive- Sektion, wo ein guter Teil Würze hinzugefügt wird. Diese Sektion besteht aus den Reglern Drive, Tone und Level. Etwas überrascht war ich als ich mir den Tone Regler genauer anschaute. Bei einem Tone Regler geht man davon aus, dass man mit diesem den Charakter des Overdrives beeinflussen kann, um so neue Klangfarben zu entdecken. Pustekuchen! Hierbei handelt es sich um ein Tilt-style EQ/Filter, der den ganzen Sound mit dem Overdrive beeinflusst. Somit macht der Regler etwas Anderes als man anfangs glaubt. Es wäre sicher schöner, stünde hier eine eine Shaping Ebene für den Overdrive zur Verfügung, wie man es von Gitarren-Pedalen her kennt.

Sehr wichtig hier zu wissen ist, dass der Level aufgedreht sein muss, damit überhaupt Sound aus dem Neutron kommt. Viele Nutzer laufen bereits in Foren Sturm und berichten, ihr Neutron funktioniere nicht, das aber ist in 99.9% der Fälle die Ursache. Klingt komisch ist aber so! Will man seinen Sound nicht einfärben, kann man auch den Overdrive umgehen, indem man Filter-Ausgang und VCA-Eingang im Patchfeld verbindet. Hat man aber seinen Sound etwas verfremdet, geht die Reise weiter in das analoge Delay.

Auch beim Delay verbaut das Behringer/MIDAS-Team analoge Komponenten. Diese sind zugänglich über drei Parameter am Frontpanel: Time, Repeats und Mix. Die Entwickler verwenden hier zwei V 3205-Chips von Cool Audio (MN3205 delay chip clone), die im Ganzen mit 8192 Stufen arbeiten. Wer rauscharme Verzögerungen liebt, liegt hier eindeutig falsch. Die Sound- Charakteristik des Neutron-Delays ist nicht sauber, sondern verzerrt und rauscht schnell. Arbeitet man mit kleineren Werten, ist das Audiosignal als fast sauber zu beschreiben. Nutzt man aber höhere Werte, so wird das Audiosignal deutlich gefärbt. Der Rauschanteil dominiert und man kann fix Lo-Fi Sounds designen. Schnell kann man in industrialähnliche, verzerrte Landschaften eintauchen. Das Delay eignet sich auch sehr gut für verrückte Soundeffekte, da man hier die Delay- Zeit im Patch-Feld modulieren kann. Auch sind Chorus-ähnliche Effekte möglich.

Ein Problem gibt es hier aber dennoch: Selbst wenn der Mix-Regler auf ‘0’ steht, dringt der Verzögerungsausgang in den trockenen Signalpfad ein. Dreht man alle Regler des Delays auf ‘0’, so kann man dieses Phänomen stoppen. Die Designer auf dieses Problem angesprochen, erhielt ich die Antwort, dass es am kompletten Signalfluss des Neutron liegt. Meiner Meinungnach ein nicht so tolles “Feature”, aber wenn man diese Eigenart kennt, kann man sie in seinen eigenen Patches berücksichtigen. Das Delay kann man somit von zwei Seiten beurteilen: Auf der einen Seite ermöglicht es charaktervolle, verzerrte Sounds, auf der Anderen beginnt es schnell zu rauschen. Persönlich hätte ich mir ein Delay gewünscht, das etwas sauberer arbeitet.


Audiobeispiele zu Behringer Neutron

Sinnvolle Erweiterungen

 Auf der rechten Seite des Neutron befindet sich ein umfangreiches Patchfeld mit vielen Ein- und Ausgängen. Gleich neben der Matrix gibt es recht sinnvolle Erweiterungen, die einzelne Funktionen der Matrix erweitern: Ein Sample & Hold Bereich zum erstellen zufälliger, schrittweiser Modulationen, ein Slew Rate-Limiter sowie ein Porta Mode. Mit diesem lassen sich beispielsweise kantige Signale sanfter machen. Der extra Sample & Hold ist hier eine gute Ergänzung, denn er bietet zusätzliche Optionen im Modulationsbereich. Vor allem dann, wenn man gerne in die experimentelle Welt der Klänge eintauchen möchte.

Auch besitzt der “rote” Synthesizer zwei Attenuators, mit denen man zwei eingehende Signale abdämpfen kann. Hilfreich dann z. B., wenn man die FM-Synthese weniger aggressiv oder kontrollierbarer in den Sound einfügen möchte. Auch in der Utility-Sektion befindet sich ein klassischer MIDI-Eingang. Vergessen darf man nicht, dass der Neutron in der Mitte über ein VCA Bias verfügt, womit man den Verstärker manuell aufdrehen kann, auch wenn die Hühlkurve auf ‘0’ ist. Praktisch vor allem, wenn man gerne Drone- oder Soundscape-Sounds baut.


Patchfeld

Eines kann man den Entwicklern nicht vorwerfen, zu wenig Anschlüsse verbaut zu haben. Der Neutron besitzt ein Steckfeld mit 32 Eingängen und 24 Ausgängen, die den Funktionsumfang, wie auch das Klangspektrum deutlich erweitern. Ohne diese wäre er ein klassischer analoger Synthesizer, die es zu Hauf auf dem Markt gibt. Das Patchfeld macht den Neutron deutlich spannender und vielseitiger. Hier finden sich Eingänge und Ausgänge für: Oszillatoren, OSC shaping, Filter, Hüllkurven, LFO (Rate, Shape) …

Da man für jede Funktion ein oder mehrere Ein- und Ausgänge hat, kann man diese sogar als einzelne Funktionen in seinem Euroracksystem nutzen. So lassen sich beide 3340 Oszillatoren, Filter oder Hüllkurven einfach in ein externes Euroracksystem weiterleiten. Clever ist hier: Obwohl es sich hierbei um einen kompletten Synthesizerblock handelt, kann man die Funktionen auch getrennt nutzen.


Durch die große Anzahl an Patch-Möglichkeiten eröffnen sich hier viele Sounds, die weit über die monofoner analoger Synthesizer in diesem Preisbereich gehen. Man kann den Neutron als einfachen Mono-Synth verwenden, aber auch in einer deutlich komplexeren Weise. Neben klassischen Filter- und Pulsweiten-Modulationen lassen sich auch hier das Delay, LFO oder das Oszillator-steppen/morphen modulieren. Setzt man einen langsam schwingenden LFO auf das letztere Ziel, so lassen sich spannende rhythmische Elemente mit den Oszillatoren erzeugen, was nur selten heutzutage mit analogen Synths möglich ist. FM lässt sich auch nur exklusiv mit Hilfe des Patchfeldes erzeugen. Reichen die Modulatoren (LFO, 2 ENV, S&H) nicht aus, kann man ein Signal im eingebauten Multiplier schnell vervielfältigen oder auf Externe zurückgreifen. Der Multiplier, wie auch der Inverter, können an dieser Stelle das Fehlen eines zweiten LFO’s eindämmen.


Auch wenn die Patch-Matrix einfach Spaß macht, gefällt mir die farbliche Abstimmung nicht. Die schwarzen Streifen im Design verursachten bei vielen Tests, daß Kabel in der falschen Öffnung landeten. Über ein weniger kontrastreiches Design hätte ich mich hier gefreut. Nichtsdestotrotz stellt sie das Herz und die wichtigste Komponente des Neutrons dar. Das Patch-Feld entführt Nutzer in eine andere Welt der analogen Synthese, die spannender, freier und vielseitiger ist. Ein rein modularer Synthesizer ist der Neutron aber dennoch nicht, da die einzelnen Module nicht ausbaubar sind. Der Neutron verhält sich aber wie einer, was erfreulich ist. 

Video: Behringer Neutron Sound Demo (no Talking)

Video

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Semi-modularer Aufbau mit fast modularem Spielgefühl
  • Fett klingende Oszillatoren
  • Oszillator & LFO steppen/blenden
  • Charaktervoller 12dB Multimode Filter
  • Digitaler LFO
  • Knackige Hühlkurven
  • Vielseitige Patching-Möglichkeiten
  • Clevere Utility Funktionen
  • Eurorack kompatibel
  • Preis/Leistung

  • Einzelne Oszillator-Volume Regler fehlen (Mixer)
  • Größe des Tune- vs. Filter-Reglers
  • Filter-Tracking nur über 3 Oktaven perfekt
  • Klangqualität des Delay-Effekts
  • Verzögerungsausgang gelangt in trockenen Signalpfad bei Mix-Regler ‘0’-Stellung
  • Farbliche Abstimmung im Patchfeld
  • Stromversorgung nicht Eurorack kompatibel

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