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Test
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05.11.2020

Behringer System 55 Test

Analoger Modularsynthesizer

Ein Traum wird wahr?

Ich bin sicher, dass jeder Synthesizer-Nerd irgendwann mal den Traum vom modularen Moog-Synthesizer geträumt hat. Leider ging dieser nur für wenige in Erfüllung. Die Verfügbarkeit und der gorderte Preis standen meist im Weg. Ein relativ einfaches Moog Model 10 liegt selbst heute noch bei deutlich über 10.000 Euro! Das ist schon eine Menge Geld. Wen wundert es, dass ausgerechnet Behringer nun mit dem System 55 Abhilfe schaffen möchte und ein Moog-basiertes Modularsystem für Jedermann auf den Weg gebracht hat. Dabei versuchte man, die alten Schaltungen so originalgetreu wie möglich nachzuempfinden und gleichzeitig in das viel kompaktere Eurorack-System zu transferieren.

Details

Wenn ich richtig gezählt habe, sind momentan nicht weniger als 19 Module im Angebot (davon standen uns 18 zur Verfügung), die natürlich alle einzeln zu erhalten sind. Jedes Modul steckt dabei im typischen Behringer-Karton zusammen mit dem für den Einbau im Case nötigen Zubehör. Dazu schon an dieser Stelle der Hinweis, dass man sich die nötigen Patch Cords noch separat anschaffen muss, wie auch das Eurorack-Case selbst. Da gibt es mit dem Eurorack Go das entsprechende Angebot von Behringer selbst, es lässt sich überdies jedes andere beliebige Case verwenden. Mittlerweile werden zudem Bundles angeboten. Grundsätzlich ist es nicht erforderlich alle Positionen im Rack mit Behringer-Modulen zu besetzen, das Marktangebot an Eurorack-Modulen ist so groß, dass man für jede Vorliebe eine geeignete Auswahl treffen kann. Behringers Ziel war, die alten Schaltungen so gut wie möglich zu reproduzieren und auf modernere Bauweisen zu verzichten. Der Wunsch, die „alten“ Patches nachbauen zu können führte dazu, dass es selbst Module gibt, die so im Original nicht vorhanden waren. Dies erklärt sich dadurch, dass beim Original manches bereits vorverdrahtet war, was im Eurorack nicht nachzubilden ist.

Der erste Eindruck

Alle Module sind optisch dem Moog-Vorbild nachempfunden: Eine schwarze Bedienoberfläche mit weißer Beschriftung. Alles wirkt sehr edel und gut verarbeitet. Der Schrumpfungsprozess vom Moog-Modul ins Eurorack-Format ging nicht zulasten der Bedienbarkeit. Alle Bedienelemente sind bei Belegung mit Patchkabeln gut erreichbar. Hat man mehrere Module ins Rack geschraubt, dann sieht das alles schon sehr schick aus.

Die Module des Behringer System 55 im Einzelnen

Bevor wir uns die einzelnen Komponenten en détail ansehen, hier noch ein Hinweis für diejenigen, die sich die Moog-Module einmal im Original nebst Beschreibung betrachten möchten – zumindest virtuell. In den Moog Archives gelangt man über „instruments“ und „modules“ auf die Seite, die den Überblick bringt. Synthesizer-Nerds sollten sich diese Seite bookmarken.

• Behringer 921 VCO

Der Behringer 921 VCO ist ein Nachbau des klassischen Moog-VCOs in Form eines 14 HP breiten Moduls. Die Frequenz des Oszillators lässt sich entweder in Halbtonschritten oder stufenlos über sechs Oktaven stimmen. Mittels eines weiteren Wahlschalters stehen die gängigen Schwingungsformen Sinus, Dreieck, Sägezahn auf- und absteigend sowie Rechteck/Puls zur Wahl, die dann am regelbaren Aux-Ausgang zur Verfügung stehen. Der 921 VCO lässt sich auch im Sub-Modus betreiben.

Dazu bietet das Modul noch Einzelausgänge (nicht für den aufsteigenden Sägezahn) und den invertieren Puls. Das ist insofern spannend, als dass man zwei Schwingungen mischen kann. Verwende ich beispielsweise die Sinusschwingung am Einzelausgang und nochmals am Aux Out, dann verstärkt sich das Level des Sinus. Mischt man zwei unterschiedliche Schwingungen, wird eine vollkommen andere Obertonstruktur erzeugt. Zusammen mit der Möglichkeit den Aux Out über den negativen Output hinzuzumischen, was die Obertonstruktur eher in Richtung subtraktiv verändert, bietet der 921 VCO alleine bereits eine Vielzahl von Soundmöglichkeiten.

Die Pulsbreite lässt sich variieren und über zwei (!) externe Quelle modulieren. Für die CV-Steuerung bietet das Modul drei Modulationseingänge, die z. B. für eine CV-Spannung eines Keyboards oder des Sequenzers, bzw. zur Erzeugung eines Vibratos genutzt werden können. Ungewohnt ist der Bereich „Clamping“, der über externe Modulation den Oszillator „zwingt“, den Zyklus der Schwingung wieder neu zu beginnen. Das resultiert u. a. in sich wiederholenden Klangmustern und in Sync- und FM- ähnlichen Effekten.

• Behringer 921B VCO / Oscillator Driver 921A

Hier haben wir es mit einer zweiten Oszillatorvariante zu tun, die eigentlich mit dem Oscillator Driver 921A zusammen genutzt wird. Dabei kann ein Oscillator Driver bis zu zwölf 921B-Varianten steuern. Und ein paar Funktionen, die in der 921er-Version vorhanden sind, werden hier quasi in einem anderen Modul ausgelagert. Klingt ein wenig kompliziert, ist es aber nicht. Es ist doch recht praktisch z. B. die Stimmung für mehrere VCOs gleichzeitig vornehmen zu können.

Der Driver steuert die Stimmung des VCOs, entweder in Halbtonschritten, oder stufenlos über sechs Oktaven. Dazu kann obendrein die Pulsbreite der angeschlossenen 921B-Module moduliert werden.

Der eigentliche Oszillator 921B verfügt dabei über vier Schwingungsformen mit jeweils einem Output: Sinus, Dreieck, Sägezahn und regelbarer Puls. Letzterer wird dann vom Driver gesteuert. Dazu gibt es noch einen Sync-Eingang, der zwischen Strong- und Weak-Sync umschalten lässt sowie die Möglichkeit der linearen Frequenzmodulation. In der Literatur werden die Begriffe „Weak“ und „Strong“ sowie „Hard“ und „Soft“ häufig synonym verwendet. Weak kann aber auch bedeuten, dass der Sync-Vorgang erst dann greift, wenn das Signal einen bestimmten Threshold-Wert überschreitet.

Die Moog Archives erklären dazu (übersetzt): Das Phase Locking beim Sync-Vorgang bezieht sich beim 921er-Modul generell nur auf die ersten sechs Obertöne. Im Weak-Modus reduziert sich der Effekt um Faktor 4 (Soft). Auf Wunsch kann der 921B in den LF-Modus versetzt werden. Dabei lässt sich die Range des LFOs auch über den Fußlagenwahlschalter einstellen.

• Behringer CP3A-0 Oscillator Controller

Ein weiteres Modul, das mehrere 921A/B-Oszillatoren ansprechen kann. Bis zu vier CV-Signale können summiert und wieder ausgegeben werden. Dafür stehen drei CV-Outputs zur Verfügung. Ein Eingang verfügt über einen Attenuator.

• Behringer 903A Random Signal Generator

2 x 2 Ausgänge für White Noise und Pink Noise auf 4 HP. That’s it. Das Output-Level ist nicht regelbar.

• Behringer 904A Lowpass VCF

Ein typisches Moog-Filter mit 24 dB Flankensteilheit. Der Frequenzbereich, in welchem das Filter arbeiten soll, lässt sich drei Varianten voreinstellen: 1 Hz - 5 kHz, 4 Hz - 20 kHz sowie 16 Hz - 80 kHz. Dies ermöglicht recht feine Filterpositionen. Regeneration bedeutet nichts anderes als Resonance und kann das Filter auch in Eigenschwingung versetzen. Hinter der Bezeichnung „Fixed Control Voltage“ verbirgt sich der Regler, den wir besser als Cutoff Frequency kennen.

Nachteilig ist, dass das Modul nur einen Signaleingang bietet, was dazu führt, meist den Umweg über Multiples gehen zu müssen. Auf der Modulationsseite stehen demgegenüber drei Inputs zur Verfügung.

• Behringer 904B Highpass VCF

Passend zum Tiefpass-Filter gibt es ein Highpassfilter mit relativ einfachem Aufbau und 8 HP Breite: Ein Cutoff-Regler und die Einteilung in zwei Frequenzbänder: 4 Hz – 20 kHz und 10 Hz – 50 kHz. Wie schon beim 904A Lowpass VCF gibt es hier nur einen Ein-und einen Audioausgang plus drei Modulationseingänge.

• Behringer 923 Filter

Mit dem Modul 923 finden wir noch ein weiteres, nicht modulierbares Filtermodul, aufgeteilt in Low-und Highpass mit separaten Ein- und Ausgängen. Regelbar ist jeweils nur die Cutoff Frequency. Mit integriert auf 8 HP ist zusätzlich ein Noise Generator mit weißem und rosa Rauschen. 

• Behringer 914 Fixed Filter Bank

Selbst die legendäre „Fixed Filter Bank“ wurde nicht vergessen. Das ist ein Leckerbissen für Soundtüftler. Das Modul bietet 12 aktive Bandpassfilter mit einem ungefähren Abstand zwischen den Bändern von einer halben Oktave. Dazu kommt an der einen Seite ein Lowpassfilter bei 100 Hz und ein Highpassfilter bei 7,5 kHz, beide mit einer 24 dB/Oct.-Charakteristik. Der Clou an der Sache ist, dass selbst bei voller Aussteuerung eines jeden Bandpassfilters keine gerade Frequenzkurve entsteht, da die einzelnen Bänder eher als Resonanzfilter arbeiten.

Es ist so ähnlich, als hätten wir 12 x Resonanz an den vorgegebenen Filterpunkten. Dies erinnert z. B. an ein Vowel-Filter, das man dazu verwendet, Vocal-ähnliche Klänge zu erzeugen. Die Abschwächung pro Band liegt bei ca. 80 dB. Das bedeutet, dass bei Nullstellung aller Bänder nichts mehr zu hören ist. Nach und nach können wir dann die einzelnen Frequenzbänder hinzumischen. Bei den Filterbänken kommen OP-Amps zum Einsatz wie auch Transistoren bei den Ein- und Ausgängen.

• Behringer 902 VCA

Der VCA ist ebenfalls schnell beschrieben. Wir sehen auf 8 HP zwei Eingänge, zwei Ausgänge, die Umschaltung von linearer auf exponentielle Arbeitsweise, drei Modulationseingänge, z. B. für einen ADSR-Generator sowie einen „Fixed CV“-Regler, der selbst ohne Hüllkurve einen Ton verstärkt. Diese Funktion wird oft „Initial Gain“ gennant.

Das Modul arbeitet sehr sauber, es lässt sich damit auch in die Sättigung gehen, um dem Sound mehr Punch zu verleihen (siehe Modul CP3A-M). Das gelingt intensiver, wenn man den invertierten Ein-/Ausgang verwendet. Das Modul verarbeitet Audio- und CV-Signale, was später einmal sehr wichtig werden soll.

• Behringer 911 Envelope Generators

Der 911 Hüllkurvengenerator ist mit ADSR klassisch aufgebaut. Die ADR-Einstellungen arbeiten im Bereich von 2 ms bis zu 10 Sekunden. Etwas irritierend ist im Manual, dass dort eine Sustain-Time von bis zu 10 Sekunden erwähnt wird. Es handelt sich aber um das Sustain-Level, das auf dem eingestellten Wert verbleibt, bis man z. B. eine Taste o. ä wieder losgelassen hat.

So wie die alten Moogs, arbeitet der ADSR-Generator nicht mit dem V-Trigger als Gate wie es die meisten Systeme machen (inkl. dem analogen Sequential Controller von Behringer), sondern mit dem S-Trigger. Da beides nicht direkt kompatibel ist, muss man den V-Trigger/S-Trigger-Converter 961 verwenden (siehe unten).

• Behringer 961 Interface

Das 961er-Modul wandelt V-Trigger in S-Trigger und vice versa. Der Trigger ist hier nichts anderes als ein Gate, das z. B. bei Tastendruck erzeugt wird (Gate on). Das Loslassen der Taste wird als Gate off bezeichnet. Der S-Trigger ist eine Moog-typische Variante, während man innerhalb des Eurorack-Systems fast immer mit dem V-Trigger arbeitet. Außerdem kann das Modul ein Audiosignal in einen Trigger umwandeln, womit man beispielsweise ein Bassdrum-Signal als Sync verwenden könnte.

Im Modul sehen wir zwei S-Trigger-Eingänge mit jeweils zwei V-Trigger-Ausgängen sowie vier Mal sechs Reihen für eine Wandlung von V- auf S-Trigger. Für die jeweils zweite Reihe gibt es noch eine Trigger-Delay-Funktion. Im oberen Bereich befindet sich der Eingang für ein Audiosignal, dass zu einem V-Trigger gewandelt werden kann. Da gilt es dann, den Überblick zu behalten, damit man vor lauter „V“ und „S“ nicht durcheinanderkommt.

• Behringer CP3A-M Mixer Modul

Das analoge CP3A-M Mixer Modul verfügt über vier regelbare Eingänge, einen Master-Gainregler und über jeweils zwei Outputs mit positiver oder negativer Polarität. Im Normalbetrieb überträgt die Schaltung ein Audio-Signal absolut sauber. Dreht man die Attenuator- und Master-Gain weiter auf, gerät man in die Sättigung (siehe Abb.). 

Das Audiosignal erhält dadurch mehr Biss und Aggressivität, was man als „Drive“-Effekt bezeichnen kann. Das Modul verbraucht 14 HP und ist einfach zu bedienen. Als Zusatz stehen noch zwei Multiples zur Verfügung, von denen man ja nie genug haben kann. 

• Behringer 944 Multiples

Was kostet nur 31 Euro, ist 4 HP breit und sollte in keinem Rack fehlen? Richtig, das sind Multiple-Module. Diese sind passiv, benötigen keine Stromversorgung und verarbeiten sowohl Audio- als auch CV-Signale. Aber was macht man damit? Manchmal haben wir eine CV-Spannung für die Oszillatormodulation, die z. B. von einer Tastatur stammt. Diese soll aber zwei Oszillatoren gleichzeitig ansteuern. Was machen wir? CV in ein Multiple, aus dem Multiple mit einem Patchcord auf VCO1 und mit einem zweiten auf VCO2. Fertig. 

Noch ein Beispiel: Wir verwenden jeweils ein Signal von VCO1 und VCO 2. Diese beiden Signale möchten wir nun durch das Filter schicken, welches aber nur einen Eingang besitzt. Was tun? Signal VCO1 ins Multiple, Signal von VCO2 in die nächste Buchse und dann aus dem gleichen Multiple heraus ins VCF. Und ja, das Multiple vervielfältigt nicht nur Signal 1 auf 3, sondern merged auch – wie in unserem Beispiel – Signal 1 und 2 auf 3. 

• Behringer 955 Attenuator

Ein weiteres „Hilfsmodul“ mit 4 HP verfügt über drei passive und regelbare Abschwächer, jeweils mit In und Out. Das Modul ist leider nicht modulierbar (z. B. für die Steuerung durch ein Modulationsrad eines angeschlossenen Keyboards). Damit lassen sich Signale, z. B. eine LFO-Modulation in ihrer Intensität regeln – aber eben nur am Regler selbst. 

• Behringer CP35 Attenuator

Wer es etwas komfortabler mag, der setzt auf den CP35 Attenuator, der wiederum eine Stromversorgung benötigt. Wir sehen hier vier passive Kanäle jeweils mit Input/Output und einem Level-Regler. Belegen wir nur Input 1, dann erscheint das Signal zusätzlich auf den Outputs 1 - 4. Damit vervierfacht man ein Signal mit unterschiedlich einstellbarem Level. Man könnte den Input mit einem LFO-Signal belegen, um dann unterschiedlich intensive Modulationen zu erzeugen. Belegt man Input 2, dann erscheint Input 1 nur noch auf Output 1 und Input 2 auf den Outputs 2 - 4. 

Sind alle vier Eingänge besetzt, stehen nur noch einkanalige Abschwächer zur Verfügung. Dazu gibt es Outputs mit +6 V und -6 V sowie zwei weitere Vierer-Multiples. Das alles benötigt mit 21 HP etwas mehr Platz als die meisten anderen Module.

• Behringer 911A Trigger Delay

Das Modul macht genau das, was die Bezeichnung verspricht: Es verzögert Trigger-Signale von 2 ms bis hin zu 10 Sekunden, z. B. den Start einer Hüllkurve. Wir haben hier zwei unabhängige Einheiten, die nur einen S-Trigger akzeptieren. Will man damit 3rd-Party-Module ansteuern, dann benötigt man das 961er-Interface-Modul. Im Couple-Modus kann man beide Trigger-Signale synchron starten, jedoch mit einer unterschiedlichen Verlaufszeit.

• Behringer 960 Sequential Controller

Diesen Baustein des Behringer 55er-Modularsystems haben wir separat einem Test unterzogen. Dabei handelt es sich um einen analogen Sequenzer, der 8, 16 oder 24 Steps erzeugen kann. Den Testbericht findet ihr hier:    

Wichtiges Modul des Behringer System 55:

Video

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Authentischer Nachbau der originalen Schaltungen
  • Klangqualität
  • Verarbeitung
  • Design und Aufbau der Module
  • Großes Angebot an Modulen
  • Viele Möglichkeiten

  • Konsequenter Nachbau übernimmt Probleme des Originals (Anzahl Eingänge, Einbindung Mod.-Rad)

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