Hersteller_Boss
Test
7
12.03.2015

Praxis

Dann wollen wir doch sofort mal checken, wie sich das BB-1X in der Praxis schlägt. Generell muss ich gestehen, dass ich nicht wirklich auf konzentrische Regler stehe. Im Eifer des Gefechts auf der dunklen Bühne läuft man letztlich doch immer Gefahr, das nicht gemeinte Poti aus Versehen mit zu bewegen. Fairerweise muss man aber sagen, dass ein fünfter individueller Regler wahrscheinlich auf der doch recht knapp bemessenen Bedienfläche des Pedals keinen Platz mehr gefunden hätte, was nichts anderes bedeutet, als dass man wohl oder übel mit der Lösung leben muss, dass sich Level- und Blend Control dieselbe Achse teilen.

Der Bass Driver BB-1X soll ja tatsächlich für Bassisten so etwas wie eine "eierlegende Wollmilchsau" sein und Stompbox, Preamp, Equalizer und DI-Box in einem Gerät kombinieren. Zunächst entschließe ich mich daher, den Boss als reinen (Clean-)Vorverstärker zu benutzen, um das Signal meines geliebten 63er Jazz-Basses aufzupeppen. Nachfolgend hört ihr das reine unbearbeitete Basssignal des Fenders, ohne Umwege in meine Avid M-Box gespielt. Da es bei den folgenden Klangbeispielen um zum Teil sehr feine klangliche Details geht, habe ich bei diesem Test übrigens auf Backings verzichtet. Beim Abhören Kopfhörer zu verwenden, kann darüber hinaus durchaus hilfreich sein!

Hm, das klingt irgendwie schon ok, aber auch noch ein wenig eindimensional und langweilig - eben so, wie ein Instrument klingt, wenn man es direkt und ohne Umweg über einen Channel Strip oder einen Preamp in ein Audio Interface steckt. Schauen wir also, was passiert, wenn ich den BB-1X aktiviere. Dazu drehe ich den Blend-Regler auf 100%, denn wir wollen ja das reine Effektsignal hören. Der Drive-Regler bleibt zu und lediglich der Bass- und Höhenregler werden bewegt. Da das Effektsignal mit den Potis in 12-Uhr-Stellung dem cleanen Signal entspricht, drehe ich beide auf ca. 3 Uhr. Da Bewegungen der Regler auch zwangsläufig mit Veränderungen der Lautstärke einhergehen, muss ich den Level-Regler nun leicht zurücknehmen.

Das ist ja wirklich ein himmelweiter Unterschied! Die leichte Topfigkeit aus dem ersten Klangbeispiel ist einem direkten, klaren Basssignal mit viel Punch und perligen Höhen gewichen. Schauen wir, was passiert, wenn ich beide EQ-Regler voll aufdrehe.

Wow, fantastisch! Zur Erinnerung: Wir haben es hier mit einem Vollanschlag der beiden EQ-Regler zu tun! Das Signal bleibt jedoch frei von Zirpen, Rauschen, Wummern im Bassbereich oder Zisseln in den Höhen. Die MDP-Technologie scheint also in der Tat mehr als Voodoo zu sein, denn das Signal bleibt absolut brauchbar, berechenbar und - im positiven Sinne - vorhersehbar.

Als Vorverstärker mit EQ zur generellen Klangaufwertung eignet sich der BB-1X also schon mal vorzüglich. Um vollends als sehr wandlungsfähiger Preamp durchzugehen, wäre vielleicht noch ein Mittenregler vonnöten gewesen - am besten sogar mit Semiparametrik - doch erstens hätten wir dann wieder das schon angesprochene Platzproblem ("Wohin mit den vielen Reglern?") und zweitens ist dies ja auch nicht das einzige Einsatzgebiet des BB-1X.

Übrigens zeigt sich bei meinen ersten Versuchen auch ein weiterer prädestinierter Einsatzbereich: die Benutzung als Booster. Je weiter ich nämlich die EQ-Regler aufdrehe, desto mehr muss ich den Level-Regler zurücknehmen. Wer das gegenteilige Ergebnis wünscht, der lässt den Volumenregler einfach in der Anfangsstellung oder dreht ihn sogar noch weiter auf. Das ist zum Beispiel ideal für ein Bass-Spotlight mitten in einem Song.

Hören wir uns als nächstes an, welche Klänge man aus dem Bass Driver herauskitzeln kann, wenn man eine weitere wesentliche Komponente ins Spiel bringt: den Drive-Regler. Hierzu bediene ich mich eines neuen Riffs auf dem Jazz Bass, gespielt nur auf dem Halstonabnehmer. Das Bassriff entstammt übrigens dem Song "Mojo Town" des britischen Hardrock-Dinosauriers U.F.O., auf dessen Album "Seven Deadly" ich mich vor einigen Jahren bassistisch verewigen durfte. Damit ihr wisst, wie diese Bassline ohne den Boss klingt, hier zunächst die cleane Version, wieder direkt ins Interface gespielt:

Nun hole ich aber schnell den Boss zurück ins Klanggeschehen! Hierzu pegele ich die beiden EQ-Potis auf ein normaleres Maß zurück (ca. 1-2 Uhr) und bringe die Verzerrung zunächst auf ca. 9 Uhr noch eher zurückhaltend ins Spiel:

Herrlich bitterböser Bass dringt an mein Ohr! Ich finde, in dieser Einstellung klingt der BB-1X nicht wie ein Verzerrer-Pedal, sondern eher wie ein abgenommener crunchy Röhrenamp mit butterweichen und warmen Overdrive-Zerranteilen. So ein Sound ist im höchsten Maße praxistauglich - im Grunde kann man den Treter einfach während des gesamten Sets anlassen und kann sich eines röhrenähnlichen Tons erfreuen, auch wenn man nur einen Transistoramp sein Eigen nennt!

Aber spielen wir das Spielchen doch noch etwas weiter: Im nächsten Klangbeispiel hört ihr den Drive-Regler auf 12 Uhr, die EQ-Regler haben wieder das vorherige Setting:

Die Richtung ist klar: Hier wird es richtig rockig, wobei das Signal in keiner Weise zu verwässern oder zu mulmen droht. Bei solch einem Livesound in der Rockband sollten einem gute Kritiken sicher sein!

Take it to the max: Im nächsten Beispiel präsentiere ich euch den Drive-Regler im Vollanschlag.

Ok, das ist jetzt aber der Hammer! Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass der BB-1X ebenso gut als Stompbox eingesetzt werden kann, als reines Effektpedal und eben nicht nur als Vorverstärker. Der Sound, den der Bass Driver in dieser Einstellung produziert, hat nun nichts mehr mit angenehmer, sahniger Röhrenverzerrung zu tun. Das sind schon waschechte Distortion-Klänge, die ja obendrein auch noch mit dem EQ in verschiedene Richtungen gelenkt werden können. Einmal mehr bin ich baff angesichts einer derartigen Vielseitigkeit! Und selbst in dieser extremen Einstellung matscht der Bass Drive kein bisschen. Töne und Rhythmus sind nach wie vor eindeutig hörbar - der Begriff "saubere Verzerrung" kommt mir in den Sinn. Langsam aber sicher habe ich wirklich das Gefühl, mit dem BB-1X braucht man sich vor keinem Sansamp, keinem Bass-Zerrpedal und keinem Amp-Plugin zu fürchten!

Nun haben wir ja bereits mehrere denkbare Einsatzgebiete des neuen Boss-Pedals ausgelotet. Was uns noch fehlt, sind jedoch die feinen Nuancen, die sich ergeben, wenn man den Blend-Regler hinzunimmt. Wie erwähnt können hier die Anteile des originalen und des Effektsignals zu beliebigen Anteilen gemischt werden. Zu diesem Zweck versuche ich, einen waschechten James Jamerson-/Motown-Basssound nachzubauen - die Reise soll also ein wenig in Richtung Ampeg B-15 gehen. Klar, dass hier die ultraharte Verzerrung von eben völlig fehl am Platz wäre. Ein bisschen Röhrenwärme hingegen würde ganz gut passen. Gleichzeitig brauche ich aber auch den ultratiefen, aber doch aufgeräumten Punch. Mit einem "Hybriden" aus dem originalen und dem Effektsound sollte man ein entsprechendes Ergebnis eigentlich hinbekommen. Und tatsächlich: Mit dieser folgenden Einstellung hat es ganz gut geklappt, wie ich finde. (Als Saitendämpfer an der Bridge fungierten übrigens zwei Babysöckchen meiner sieben Monate alten Tochter!)

Zuletzt probiere ich noch, einen runden Allround-Popsound zu kreieren. Auch dies ist kein Problem für den Boss Bass Driver. Hier die Einstellungen:

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • sehr gute Klangqualität durch neue MDP-Technologie
  • sehr flexibel in verschiedenen Einsatzgebieten
  • geringes Gewicht und Maße
  • gute Verarbeitung
  • Batterie- und Netzbetrieb
  • sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis

  • Gefahr, beim Doppelstock-Regler das falsche Poti mitzudrehen
  • kein Mittenregler beim EQ

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