Recording Nahfeldmonitor Hersteller_Genelec
Test
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12.03.2018

Praxis

Frei nach dem Motto "Ja is' denn heut' scho' Weihnachten?" stelle ich die kleinen Genelec 8331A auf und schließe sie analog an die Yamaha-Ausgänge meines Audiointerfaces an. Die Eingangsempfindlichkeit steht bei beiden Monitoren auf +4 dBu und ist somit für meine Zwecke ideal eingestellt. Das Aufstellen und Ausrichten geht mit Hilfe der Isopods kinderleicht. Ich stelle die Boxen zunächst aufrecht hin. Die links-mittig an der Front verbauten Status-LEDs geben mir nach Betätigen des Powerknopfes grünes Licht. Es kann losgehen.

Da meine musikalische Sozialisierung in den 80ern stattfand, komme ich auch heute noch nicht ganz davon los und reihe meine favorisierten, aber vor allem bereits oft und auf verschiedensten Boxen gehörten Lieblingssongs in der DAW auf und lege los.

Der Klang der 8331A

Mein erster Höreindruck ist gleichermaßen angenehm wie auch etwas irritiert. Die Abhöre klingt vor allem erst einmal größer als ihr Gehäuse dies erlauben dürfte. Schon erstaunlich, was da an Klangvolumen herauskommt. Ich höre bei den ersten Takten von Stings "Seven Days" eine sehr präzise Wiedergabe der feinsten, höhenreichen Attacks und kann diese sehr sauber an bestimmten Stellen im Stereopanorama orten. Die 8331A liefert also anscheinend eine hervorragende Impulswiedergabe, die sicherlich auch auf das Fehlen von Laufzeitproblemen zwischen Mitten- und Hochtöner zurückzuführen ist.

Beim Durchzappen durch mehrere Tracks bildet sich langsam ein detaillierteres Bild meines Eindrucks über den Klang der Boxen. Sie liefern präzise, schnelle, aber nicht allzu dicke Bässe. Ich finde, sie sind etwas schwach rund um 100 Hz und auch etwas dünn rund um 200 Hz, haben also für meinen Geschmack nicht ganz so warme, tiefe Mitten wie ich das gerne hätte. Aber Vorsicht, hier spielen natürlich Boxen, die kaum größer sind als eine dieser gelben, kanarischen Honigmelonen. Dennoch möchte ich sie objektiv beurteilen. Also darf ich auch nicht ignorieren, dass mir der Tieftonanteil unterhalb von 100 Herz ein wenig abgeht. Dieses letzte massige Pfund an Bassdruck fehlt logischerweise, sodass die 8331A beim direkten Vergleich mit großen Artgenossen doch eine Dimension kleiner klingt. Der voluminöse, tiefe Bassschub fehlt, was aber nicht verwundert, denn über physikalische Grenzen wird nicht gegangen, wie man dies vielleicht von der DSP-Magie eines Bose Soundlink kennen mag. Wo ich nun aber doch beim Vergleichen bin: Im Vergleich zu anderen Boxen dieser Größe kommt erstaunlich viel Lautstärke beziehungsweise Schalldruck heraus. Beim Hochfahren des Pegels muss ich staunen, wie laut die kleinen "Gennies" abliefern, ohne dabei zu zerren. Ab einer bestimmten Leistung greift der Limiter und quittiert dies durch den Wechsel der Status-LED von grün zu rot. Bis dies allerdings der Fall ist, können die Boxen so laut abspielen, dass dies in kleinen und mittelgroßen Räumen für jeden normalen Betrieb reichen dürfte. Für den schwerhörigen Metal-Mixer vielleicht zu wenig, fürs empfindliche und mehrstündig beanspruchte Techniker- und Musiker-Ohr aber sicherlich laut genug.

Auch im Nahbereich klingen die 8331A sehr sauber

Als kleinsten Abstand zur Abhöre gibt Genelec 40 Zentimeter an, also hole ich mir im nächsten Schritt die Boxen auf meinen Arbeitstisch direkt neben Maus und Tastatur. Erstaunlicherweise ist mein Klangeindruck gleich. Ich habe nicht den Eindruck, zu nah dranzusitzen und kann mich dank der koaxialen Bauweise und des Waveguides großzügig in alle Richtungen aus dem geschätzten Sweetspot bewegen, ohne dass sich der Klang verändert. Ein Eigenrauschen kann ich trotz der nahen Positionierung nicht hören. Für mich eine ideale Box für den Schreibtisch.

Um zu hören, was die Boxen bei leisen Lautstärken können, fahre ich den Pegel auf ein zehn Stunden ertragbares Lautstärkeniveau herunter. Bei leisem Abhören bricht der Bass ein wenig ein und um 350 Hz höre ich einen leichten Buckel. Die Übergangsfrequenz, auf die Basstreiber und Mittentöner abgestimmt wurden liegt bei 500 Hz. Eine schlechte Frequenzweiche kann man also nicht verantwortlich machen. Liegt es vielleicht daran, dass ich die Box aus sehr kleinem Abstand höre? Nein, denn ich stelle die Boxen zurück an die Position neben meine eigene Abhöre und höre die gleiche Nase. Sie ist nicht allzu stark, färbt aber dennoch ein wenig den Klang.

Je länger ich mich einhöre und auch mit anderen Abhören vergleiche, um mein Gehör zwischendurch zu resetten, umso mehr fällt mein Ohrenmerk auf die Höhen der 8331A. Der Klang ist höhenlastig und ähnelt ein wenig dem eines Exciters von Aphex, den man in den 80ern gerne verwendet hat. Die Oktave unterhalb von 8 Kilohertz ist etwas schwach, dadurch fehlt dem Ganzen ein wenig die Luftigkeit, was eine Schwäche koaxialer Systeme zu sein scheint, wie mein erfahrener Studiokollege Claudius B. mir erklärend erzählt.

Bei Musikmaterial mit leise gespielten, akustischen Instrumenten wie beispielsweise den percussionträchtigen Songs von Gloria Estefan oder auch bei Orchestermusik diesseits von forte geht die genaue Lokalisierung ein wenig unter. Ich vermute dies ist so, weil höhenreiche Transienten ein wenig zu schwach rüberkommen, die für die ersten Attacks und damit das Lokalisieren recht wichtig sind.

Die Boxen klingen insgesamt recht hart, ein wenig bedeckt und nicht etwa seidig weich. Dies ist natürlich nicht nur Ansichts- und Geschmackssache, es ist abhängig vom Einsatzzweck, ob dies die Boxen für den Job qualifiziert oder nicht. Dank des GLM-Systems könnte man hier auch beispielsweise prophylaktisch ein wenig Höhen per DSP-Funktion hinzugeben. Spaßeshalber habe ich dies mit tiefen Bässen versucht und einfach mal 12 dB bei 100 Hz drauf gegeben. Die Box limitiert, sobald der Pegel zu hoch wird, sodass man nie einen zerrendes Signal hört, liefert bis dahin aber ein unglaubliches Pfund an Bässen ab, vor allem in Anbetracht des kleinen Volumens des Gehäuses.

Insgesamt attestiere ich der 8331A eine saubere Wiedergabe ohne technische Fehler. Sie hat auf Grund der Koaxialtechnik und des Waveguides einen absolut riesigen Sweetspot, vor allem in der Vertikalen. Das Stereobild ist klar und einzelne akustische Ereignisse können präzise geortet werden. Beeindruckend finde ich auch die Abbildung räumlicher Tiefe. Wie Räume nach hinten ausklingen, wie dies beim hallgetränkten Synthie-Klassiker "Blade Runner Blues" von Vangelis der Fall ist, finde ich sehr schön zu hören und klingt eine Spur beeindruckender als auf meinen eigenen Abhören. Dennoch würde ich die Abhöre eher als Arbeitsbox sehen und nicht als Spaßbox zum Musikhören.

Pro & Contra

  • sehr hohe Leistung im Vergleich zur Gehäusegröße
  • sehr klares, präzises Stereobild
  • Anpassung an die Raumakustik mit GLM-System möglich
  • kein Eigenrauschen hörbar

  • kleine Überbetonung rund um 200 und 350 Hertz
  • in den Höhen um 8 kHz ein wenig schwach
  • Höhenwiedergabe insgesamt ein wenig bedeckt

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