Software
Test
10
19.10.2020

Hit'n'Mix Infinity 4.7 Test

Audiomanipulations-Software

Gesangsmelodien anpassen, Gitarrensolo im fertigen Bounce verlängern!

Mal eben den Dur- in einen Mollakkord der Gitarrenaufnahme verändern oder einen nicht ganz gerade gesungenen Ton in einer Gesangsperformance direkt korrigieren: Als Melodyne seine Direct Note Access Technologie 2010 vorstellte, war das Staunen groß. Seitdem wächst die Zahl der Programme, Plugins und Algorithmen, die in fertige Audioaufnahmen eingreifen, sie korrigieren, wie es zum Beispiel RX7 von iZotope immer wieder eindrucksvoll vormacht. Und auch sie zu verändern ist mit Regroover und anderen Plugins seither keine Utopie mehr. Infinity 4.7 von Hit'n'Mix will nun sogar auf beiden Hochzeiten tanzen. Wie gut es das hinbekommt, lest ihr im Test.

Einige von uns erinnern sich sicher noch an ihre ersten Gehversuche mit Equalizern – was sich da für eine Welt auftat! Einfach ALLE Sounds wollten wir mit einem Preset und zwei Mausklicks am liebsten genauso klingen lassen, wie sie in Kopf und Radio schon immer klangen... Weit gefehlt. Nach der Ernüchterung kommen die jahrelange Einarbeitung und die Erkenntnis, wie viel weniger mit einem Equalizer eigentlich tatsächlich möglich ist. So ist das häufig auch mit neuen Technologien in der Audiowelt: Eine bahnbrechende Neuerung wird versprochen, die auf den ersten Blick zwar auch genau so eine darstellt, oft aber mit viel mehr Einschränkungen oder einer viel geringeren Qualität einhergeht, als es der ein oder andere bombastische Werbetrailer vielleicht versprochen hatte. Infinity 4.7, seit Juni 2020 mit komplett überarbeiteter Benutzeroberfläche in Version 4.7 verfügbar, verspricht mit seinem „Atomic Audio Editor“ die Bearbeitungsmöglichkeiten von Audiomaterial auf ganzer Linie genauso einfach zu machen, wie es bei MIDI-Noten der Fall ist – ein gewagtes Versprechen...

Details und Praxis

Die Setup-Datei von Infinity ist angenehm klein und die Installation und Registrierung per Seriennummer (und Serverabfrage) gehen beide ziemlich schnell vonstatten. Dann wird man von einer dunklen Oberfläche mit einer, DAW-Usern bereits bekannten Pianorolle links begrüßt. Von Anfang an aktiviert ist die interaktive Hilfe, die, ähnlich wie man es beispielsweise aus dem Hilfekasten von Ableton Live kennt, kurze Erläuterungen zu Knöpfen, Feldern und Menüs einblendet. Oben gibt es eine Menüleiste mit einigen Werkzeugen, die denen in Melodyne ähneln, rechts befinden sich die „RipList“ und darunter die „Layers“.

Bevor es an die Praxis geht, gibt es hier noch eine kurze Erläuterung dazu, wie Programme wie Infinity (und ähnlich auch Melodyne) ins Audiomaterial eingreifen. Dieses wird erst analysiert und anschließend wird das harmonische vom unharmonischen Material (also von allen Geräuschen, Drums und Konsonanten beispielsweise) getrennt. Das harmonische Material wird dann mit Sinustönen in seine verschiedenen Obertöne aufgelöst. Bei Infinity heißt die Technologie TrueSource, bei Melodyne Direct Note Access. Dieser aufwändige Vorgang hat zwei Nachteile im Gepäck: Er ist erstens sehr rechenintensiv und damit zweitens auch nicht in Echtzeit möglich. 

Audio importieren in Infinity – Rips erzeugen

Will man Audiomaterial in Infinity bearbeiten, muss die Datei vom Programm zuerst analysiert werden – die erzeugten Analysedateien nennen sich dann im Infinity-Jargon „Rips“. Sobald man eine passende Audiodatei gefunden hat, wählt man im Importfenster noch die Art des Materials aus, damit Infinity weiß, wie es die Audiodatei interpretieren muss: Ob als einzelne Instrument- oder Stimmaufnahme oder als Gesamtaufnahme einer Produktion. Je nach Länge und Komplexität des Quellmaterials und je nach Takt der CPU kann das einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Auf dem Testrechner (Macbook Pro 2015, 2,5 GHz Intel Core i7 mit vier Kernen) dauerte der Import eines ca. 50-sekündigen Musikstücks gut vier Minuten.

Infinity ist als Stand-alone sowie als AudioSuite-Plugin für ProTools-System vorhanden. Soll es in die Arbeit mit DAWs wie Ableton Live oder Logic mit eingebunden werden, muss es innerhalb dieser Programme unter den Einstellungen als externer Audioeditor ausgewählt werden. Hit’n’Mix hat den Editor von Infinity „Atomic Audio Editor” getauft. Und nach dem Import geht es hier auch auf die quasi atomare Ebene der Audiobearbeitung zu. Nicht unähnlich zum Editor von Melodyne, DEM Tonhöhenkorrekturalgorithmus, wird hier beispielsweise nach dem Einlesen einer Gesangsaufnahme eine gelbe, geschwungene Linie angezeigt, die die Dauer und Höhe der gesungenen Noten visualisiert.  

Automatische Gesangsharmonien erzeugen 

Und nun geht es ans kreative Verarbeiten. Ein klassisches Einsatzgebiet von Werkzeugen wie Infinity ist das künstliche Erzeugen von Harmonien. Wir wählen also die komplette Gesangslinie aus, in unserem Fall einen Loop aus der Logic Pro-X-Library, und importieren sie in „Infinity“. Der erwähnte Dialog zur Auswahl der Art des Quellmaterials erscheint, wir wählen „Vocal“ und nach einigen Minuten erscheint die Gesangslinie im Programm. Wir sind faul, wollen uns nicht mit Umkehrungen, Stufen und Stimmführung herumschlagen, das Programm soll es richten. Also geht es oben bei den „RipScripts“ zum „Chord Creator“.

Der analysiert die Tonart und bietet die Option, zwischen über („above“) und unter („below“) die Gesangslinie passenden Harmonien auszuwählen, und wartet dann nur noch darauf, dass man die einzelnen Teile der Gesangslinie in der Pianorolle dann einzeln anklickt – und schon werden bis zu vierstimmige Harmonien erzeugt. Im hier verwendeten Testmaterial waren es vor allem die Harmonien unterhalb der Gesangslinie, die oft sehr echt klangen, die sich darüber befindenden waren hingegen meistens zu schrill. 

Akkorde in fertigen Aufnahmen nachträglich verändern 

Ein weiteres kreatives Arbeitsfeld ist das nachträgliche Verändern von Harmonien in Aufnahmen. Zum Test importierten wir eine mehrstimmige Gesangsaufnahme in Infinity und veränderten, nachdem die Tonart erkannt wurde, einzelne Akkorde. Zur Erkennung der Tonart müsst ihr einfach unten rechts auf „Detect Scale“ klicken und schon schlägt das Programm die wahrscheinlichste vor. Danach rasten die einzelnen Komponenten der Gesangslinie beim Verschieben auf den sieben passenden Tönen der jeweiligen Tonleiter ein – sehr praktisch. Will man hingegen die Tonart ändern, so geht das taktweise. Jeder Takt („bar“) hat in Infinity unten einen kleinen blauen Markierungspfeil, an dem sich der Tonartwechsel und sogar Tempoveränderungen einstellen lassen.

Richtig kreativ wird es, wenn von der Funktion Gebrauch macht, die es ermöglicht, die Töne einer Aufnahme quasi wie bei einem MIDI-Clip durch ein anderes Instrument zu ersetzen. So haben wir in einer Klavieraufnahme die einzelnen Akkorde mal nach Flöte, mal nach Trompete, mal nach Saxophon und dann nach akustischer Gitarre klingen lassen können. Man hört zwar immer noch ein paar Artefakte, aber alles in allem kann das, was hier geboten wird, schon als Photoshop für Audios bezeichnet werden. Neben den acht mitgelieferten Sounds in der „Primary Palette“, wo neben den erwähnten Sounds auch eine E-Gitarre und eine Oboe mit dabei sind, kann man sogar das Timbre eines eigenen Loops nehmen und auf seine Aufnahme legen. Warum nicht mal das Geburtstagsständchen klingen lassen, als hätte es Elvis eingesungen?

Photoshop für Audios – einzelne Layer verändern

Stichwort Photoshop. Wer sich auch nur ein kleines bisschen mit dem Bildbearbeitungsprogramm auskennt, weiß, dass die „Layers“ bzw. Ebenen des zu bearbeitenden Bildes die Quelle allen kreativen Unheils sind – so auch in Infinity. Wir laden ein kleines fertiges Stück Musik, Infinity analysiert es und teilt die einzelnen Instrumente in verschiedene Layer ein, die sich alle jeweils stumm und solo stellen sowie in ihrer Lautstärke verändern lassen. Das kennt man so auch aus RX7 und RX8 von iZotope. Wir fügen mühelos einen weiteren Layer, also die Gesangslinie aus dem ersten Beispiel, ein, verändern die Länge der einzelnen Töne und malen neue gleitende Tonübergänge. Damit es etwas Abwechslung gibt, verändern wir den Gesang in eine verhallte E-Gitarrenaufnahme im zweiten Durchlauf – alles in ein und derselben Audiodatei. 

Fazit

Infinity 4.7 ist seit langer Zeit mal wieder ein Werkzeug im Audiobereich, das tatsächlich an manchen Punkten den Mund offenstehen lässt. Wie sich hiermit Tonhöhe und -länge in Audiodateien mühelos verändern lassen, und das in beachtlicher Qualität, wie sich das Timbre einer Aufnahme mit einigen Mausklicks fast schon magisch verändern lässt, öffnet vollkommen neue Dimensionen im Sounddesign.

Damit verbunden stellt sich aber auch die Frage, für wen dieses recht teure Programm überhaupt geeignet ist? Gesangskorrekturenthusiasten werden schließlich keinen Schritt weg von Melodyne machen und Aufnahmekorrektur geht in besserer Qualität in RX. Und was den Workflow und die Einarbeitungszeit betrifft, die teilweise minutenlangen Klickstrecken, um etwas rückgängig zu machen, da gibt es durchaus noch Handlungsbedarf. Wer aber Lust auf die neue Entwicklung in der Welt der Audioproduktion hat, die, wenn sie ausgereifter ist, ziemlich sicher so auch in den nächsten Jahren in den DAWs Einzug finden wird, dem wird „Infinity“ viel Spaß machen.

  • Pro
  • Gesangshamonien klingen sehr realistisch
  • Nachträgliches Korrigieren von Harmonien in Aufnahmen sehr einfach
  • Müheloses Verändern von einzelnen Tönen einer Aufnahme
  • Einzigartiges Verändern des Timbres
  • Mashups und Remixe in Minuten
  • Contra
  • Lange Einarbeitungszeit
  • Teilweise umständliche Bedienung
  • Ressourcenhungrig
  • Videoverarbeitung nur mit Mac-Version möglich
  • Features
  • Stand-alone-Progamm als externer Audioeditor in allen gängigen DAWs
  • Als Audio-Suite-Plugin direkt in ProTools einbinden
  • Veränderung von Anteilen einer Audiodatei
  • Instrument tauschen, verändern in einem fertigen Mix
  • Remixing: zu fertigen Audiodateien Gesang hinzufügen
  • Instrumente in Aufnahmen lassen sich durch importierte ersetzen
  • Neue Benutzeroberfläche
  • Bearbeitung von Audio in Videodateien (MP4, M4V, MOV und einige AVI-Dateien) – nur in der MacOS-Version!
  • Automatische Tempo- und Takterkennung
  • Systemvoraussetzungen Mindestens Zweikern 2.5 GHz CPU (Sechskern CPU mit Hyperthreading empfohlen), Mindestens 6 GB RAM (12 GB empfohlen), 1 GB Festplattenspeicher, Mindestens OS X 10.10 Yosemite oder Windows 7/8/10 (64 bit), Optional: InfinityLink AudioSuite Plugin benötigt Pro Tools 12.8.2 (macOS) / 12.2 (Windows) oder neuer.
  • Preis
  • Vollversion 329 € (Straßenpreis Stand 19.10.2020)
Veröffentlicht am 19.10.2020

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • Gesangshamonien klingen sehr realistisch
  • Nachträgliches Korrigieren von Harmonien in Aufnahmen sehr einfach
  • Müheloses Verändern von einzelnen Tönen einer Aufnahme
  • Einzigartiges Verändern des Timbres
  • Mashups und Remixe in Minuten

  • Lange Einarbeitungszeit
  • Teilweise umständliche Bedienung
  • Ressourcenhungrig
  • Videoverarbeitung nur mit Mac-Version möglich

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