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Feature
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26.07.2020

Interview mit dem Schlagzeuger Tamir Barzilay

Ein Gespräch mit dem Drummer der Scary Pockets, Macy Gray und Tal Wilkenfeld.

Tamir Barzilay begeistert durch sein unglaublich facettenreiches Spiel in vielen Videos der in Los Angeles ansässigen „Scary Pockets“. Mal zurückhaltend, dann wieder wild und vertrackt, doch stets unterstrichen von seinem geschmackvollen Feel, spielt er mit dem Musikerkollektiv bekannte Songs im neuen Gewand oder bereichert Eigenkompositionen mit seinem musikalischen Spiel.

In der kalifornischen Musikmetropole ist der gebürtige Israeli mittlerweile eine feste Größe, wirkt dort an verschiedensten Studioproduktionen mit und ist außerdem mit der Soulsängerin Macy Gray und der australischen Bass-Ikone Tal Wilkenfeld auch international auf Tour. Nebenbei ist er auch als Songwriter aktiv und brachte 2019 sein erstes Soloalbum heraus, auf dem er fast alle Instrumente selbst einspielte. Wir trafen Tamir im Februar 2020 in Hollywood zu einem Gespräch über seinen Werdegang, seine Anfangszeit in Amerika und die Arbeit als kreativer Musiker in Los Angeles.

Hallo Tamir, erzähl uns mal ein bisschen von dir. Wie bist du in Los Angeles gelandet?

Ich bin in Tel Aviv geboren und habe im Alter von zehn Jahren erstmal an der Gitarre angefangen, Musik zu machen. Meine Eltern waren nicht besonders an Musik interessiert, es lief sogar kaum nebenbei Musik, und wenn überhaupt, dann nur das Radio, aber mich hat es irgendwann einfach gepackt. Freunde meiner Eltern haben mir eine Cassette mit klassischer Musik geschenkt, und die Stücke haben mich einfach fasziniert. Im Radio und Fernsehen habe ich dann Grunge und Rockmusik entdeckt und schließlich mit MTV die amerikanische Musikszene aufgesaugt. Ich habe dann mit 15 Jahren angefangen, Drums zu spielen und ein paar Jahre bei einem Lehrer in Tel Aviv Unterricht genommen. An meinem ersten Drumset habe ich zu Cassetten von The Police und vielen anderen Bands gespielt. Darin konnte ich mich richtig verlieren. Ich habe dabei nie das Gefühl gehabt zu üben, aber durch das Anhören und immer wieder Nachspielen der Songs natürlich eine Menge gelernt. Später habe ich in Musicals und Coverbands gespielt, bevor ich dann zu einer Band mit einem Major-Label-Deal gekommen bin. Das war mein erster professioneller Gig. Damals war ich 17 Jahre alt und das war natürlich großartig, mit nur zwei Jahren Erfahrung so große Gigs spielen zu können. Mit der Band habe ich viel Funk und Reggae gespielt, und die Jungs haben mir wahnsinnig viel Musik gezeigt. Nach meinem Wehrdienst habe ich dann mit einigen anderen Bands gespielt und weiter Erfahrungen gesammelt. 2007 bin ich schließlich wegen der Musik nach New York gezogen. Ich mochte die Stadt schon immer und habe es irgendwann einfach gewagt, auch wenn ich damals noch kaum Englisch sprechen konnte.

War das nicht unglaublich schwer, unter diesen Umständen und besonders in so einer großen Stadt als Musiker Fuß zu fassen?

Ja, sehr sogar. Aber ich mochte es trotzdem. Ich hatte vorher ein bisschen Geld gespart, damit ich im Notfall darauf zurückgreifen konnte. Nebenbei habe ich in Cafés und Bars gearbeitet und fand es aufregend, so auf mich gestellt und im Survival-Modus zu sein. Das war für mich auch eine wichtige Lektion in Sachen Demut. In Israel habe ich in kurzer Zeit eine gute Karriere hinlegen können und habe sogar Bands und Künstlern absagen müssen, weil ich so viel zu tun hatte, aber in New York hatte ich erstmal gar nichts. Um überleben zu können, habe ich so viele Jobs neben der Musik gemacht, dass irgendwann kaum Zeit mehr dafür war. Ein Freund von mir, der in LA wohnte, hat mir dann empfohlen, dass ich mich hier mal umgucke. Ich war direkt begeistert, bin relativ bald umgezogen und habe mir vorgenommen, nicht mehr in Restaurants und Bars zu arbeiten, sondern von der Musik zu leben. Dafür musste ich am Anfang natürlich meine Rücklagen aufbrauchen. Das Level der Musiker in LA war auch wesentlich höher als in New York, weshalb ich auch erstmal wieder richtig üben musste.

Häufig wird ja davon gesprochen, dass man sich als Musiker begehrt machen kann, indem man eine Sache so richtig gut kann oder aber für einen besonderen Sound steht. Wie hast du in LA begonnen?

Ehrlich gesagt habe ich das gar nicht in Betracht gezogen. Ich war und bin immer noch im Survival-Modus. Ich habe einfach möglichst viele Gigs gespielt, bei Jamsessions Leute kennengelernt und bin so dazu gekommen, dass ich von Musik leben kann. Es geht vor allem um die Leute und weniger um die Art der Musik, würde ich sagen. Wenn man in eine Musikmetropole zieht und zehn Jahre lang verschiedenste Gigs spielt, lernt man so viele Leute kennen, dass man irgendwann eben in der Szene ist. Man muss es einfach nur machen, Geduld haben und es hilft natürlich sehr, wenn man gut ist. (lacht)

Was waren die ersten professionellen Gigs in LA für dich?

Ich habe erst auf vielen Events gespielt und bin später dann über Umwege zu Macy Gray gekommen. Das war der erste Major Act, für den ich hier gespielt habe. Iajhi Hampden, ihr damaliger Drummer, hat mich empfohlen. Ich musste damals eine Audition spielen und habe den Gig auch erst nicht bekommen, aber ein paar Monate später kam dann doch der Anruf. Seit sechs Jahren toure ich jetzt mit ihr und bin auch im Studio beim Songwriting und Recording involviert. Songwriting mache ich auch eigentlich am liebsten.

Tamir mit den Scary Pockets, Larry Goldings und Robben Ford:

Das ist ja auch eher ungewöhnlich für einen Drummer.

Ja, aber ich habe schon immer meine eigene Musik geschrieben und irgendwann auch angefangen, das für oder mit anderen Künstlern zu machen. Mittlerweile produziere ich auch hin und wieder, und das ist wirklich eine gute Möglichkeit, sich aus der Komfortzone eines Drummers zu begeben und sich noch intensiver mit Musik zu beschäftigen. Allerdings verliert man bei eigenen Songs natürlich auch schnell seine Objektivität, wenn man emotional in die Musik involviert ist. Deshalb fällt es mir auch manchmal schwer, meine Musik gleichzeitig zu schreiben, einzuspielen und auch noch zu produzieren. Ich merke aber auch, dass dieser gesamte Prozess im Umgang mit der eigenen Musik für mich eine echte Weiterentwicklung bedeutet und ich mich selbst auch besser kennenlerne. Ich genieße den künstlerischen Prozess, aber merke auch, dass ich unglaublich diszipliniert sein muss, damit ich Songs fertig bekomme. Ich mache das ja auch noch gar nicht so lange. Im Gegensatz zu professionellen Songwritern würde ich mich eher als mittelmäßig beschreiben, aber man muss ja irgendwie anfangen. Aber vielleicht schreibe ich ja in vielen, vielen Jahren mal einen wirklich guten Song. (lacht)

Bist du bei der Produktion deiner Songs auch der Engineer und Mixer?

Ich engineere alles und entscheide mich natürlich beim Aufnehmen für Sounds, die Art der Verzerrung oder Reverbs und Delays, aber das finale Mixing übernimmt ein Freund von mir. Professionelles Mixing erfordert ja auch wirkliches Know How. Ich nehme also alles in meinem Studio auf, mache die Songs so weit fertig, wie es geht und gebe dann die Sessions zum finalen Mix.

Nimmst du in deinem Studio auch für andere Projekte Instrumente auf?

Ja, natürlich hauptsächlich Drums. Ich arbeite viel mit lokalen Produzenten und Künstlern für verschiedenste Genres und auch Filmmusik zusammen. Außerdem spiele ich viel für einen Produzenten aus China ein und nehme auch häufig Flamenco-inspirierten Sound für einen Musiker aus Spanien auf. Das Studio ist relativ klein, aber ich bekomme trotzdem einen ganz guten Sound hin. Mittlerweile haben ja viele Drummer hier in LA eigene Projektstudios. 

Bist du hauptsächlich Studiomusiker?

Das kann ich nicht so richtig sagen. Ich denke, dass ich den Großteil meines Einkommens auf Tour verdiene, aber die meiste Zeit in Studios verbringe. Aber das ist eigentlich auch jeden Monat anders, und es kommt natürlich immer darauf an, wer einen für wie lange bucht. Dazwischen beschäftige ich mich immer mit Songwriting. Das ist mir wichtig. Außerdem bereite ich mich auch immer sehr gut vor, was natürlich zeitintensiv ist. Ich möchte auf der Bühne nicht von Noten abhängig sein, weil mich das davon abhält, emotional voll bei der Musik zu sein. Es gibt natürlich einen Mittelweg, aber eigentlich habe ich auf der Bühne sehr selten Noten oder Charts der Songs dabei.

Wie meisterst du den Spagat zwischen kreativem Ausdruck und Selbstverwirklichung und purer Dienstleistung in der Musik?

Das kommt natürlich sehr auf das Projekt an. Am Ende sollte man beides können, also fähig sein, ein künstlerisches Statement abzugeben, aber auch in der Lage zu sein, das Ego zurückzustellen und einen Job zu erfüllen. Viel läuft da über die richtige Kommunikation, finde ich. Mittlerweile versuche ich, nur Gigs anzunehmen, die mir Spaß machen und zu denen ich mich künstlerisch verbunden fühle. Das ist natürlich ein großes Privileg, was ich mir in der Vergangenheit nicht eingeräumt habe. Wenn man wirklich wenig mit der Musik anfangen kann, die man spielen soll, ist man sehr wahrscheinlich auch nicht besonders gut darin, und das will ich verhindern.

Wie findest du im Alltag und nach Jahren des professionellen Musikmachens neue Inspiration?

Ich denke, man muss versuchen, sich die kindliche Herangehensweise zu bewahren, um immer wieder neue Sachen zu entdecken. Bei mir ist das eben seit ein paar Jahren das Songwriting, aber ich versuche, das auch immer wieder auf's Drumset zu übertragen und experimentiere mit Sounds und Setups.

Vielen Dank für's Gespräch!

  • TAMIRS EQUIPMENT:
  • Drums: Craviotto Cherry
  • Toms: 12“ x 8“, 13“ x 9“, 16“ x 16“
  • Bassdrum: 22“ x 14“
  • Snare: 14“ x 6,5“
  • Becken: Istanbul Agop
  • Hi-Hat: 14“ Traditional
  • Crashes: 20“ Xist, 18“ Signature
  • Ride: 22“ Mel Lewis
  • China: 20“ Turk
  • Sticks: Regal Tip 9A Wood Tip

Tipp: Viele weitere Drummer-Interviews findet ihr hier.

Veröffentlicht am 26.07.2020

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