Software
Test
10
06.10.2020

Praxis

Fully Stand-alone, really?

Ja, man kann mit Maschine+ standalone vollständige Produktionen fahren, das beweisen allein die Beispielsongs des Lieferzustandes. Die Frage, mit welchem Aufwand – Stichwort Freezing bzw. Re-Recording – das möglich ist, ist eine andere. Darum geht es aber auch nicht. NI selbst sieht die Maschine+ ohnehin als Instrument für „Leute, die spielen können“, im Studio oder eben auf der Bühne. Und das geht definitiv klar!

Externe Synths triggern, sie re-recorden, Samples manipulieren und anschließend neu performen – all das ist ohne Umschweife möglich. Viele gute Kits gibt es ebenfalls  und das Browsen ist dank der vielen Attribute super easy. Auch neue Sounds downloaden und benutzen geht dank WLAN ganz flink. Angesichts der vielen Möglichkeiten ist das insgesamt verhältnismäßig unkompliziert zu bedienen, keine Frage!

Einen vollständigen Mix macht man sicherlich weiterhin besser am Rechner – das geht entweder über den Stem-Export oder den Projektaustausch von Maschine+ zum Rechner mit installierter Maschine-Software, und zwar ganz unkompliziert. Projekte und Stems werden auf der Speicherkarte gesichert und konnten im Test ohne Probleme am Rechner geöffnet werden. Dazu nutzt man entweder ein zusätzliches Kartenlesegerät oder bootet Maschine+ als Kartenleser – die lässt sich dann aber übrigens nicht mehr anderweitig nutzen. 

Andersherum sieht es mit dem Projektaustausch, allein dem fehlenden VST-Support wegen, ein wenig anders auch. Disk-Streaming Support gibt es auch (noch) nicht, was Bühnenmusiker mit reichlich Playback-Bedarf stören könnte. 

Clicky Click

Für mich als DAW-Kind der ersten Stunde ist es ungewohnt, wie viele Tasten man teilweise drücken muss, um in verschiedenen Menüs rein und raus und so an wichtige Funktionen zu kommen. Alte MPC-User werden an dieser Stelle sicherlich nur müde lachen.

Den Events Mode beispielsweise, in dem man Noten eines Patterns bearbeiten kann, empfinde ich als rudimentär – zumal man den Rückzug an Rechner und Maus nicht mehr antreten kann. Noten via 4D-Encoder-Doppelklick hinzufügen oder löschen zu können, genauso wie Events auch im Pad-Mode vertikal verschieben zu können – all das wäre für die Zukunft wünschenswert. Der Step-Mode ist dafür keine richtige Alternative, auch wenn er an sich cool ist.

Explizit positiv hervorheben möchte die Tatsache, dass es möglich ist, Events im Pad-Mode transponieren zu können, ohne dass sich deren Position im Grid ändert – für Freunde der melodiösen Kick, Snare und Hi-Hat ein wahrer Segen, da so auch der vertrackteste Beat optisch übersichtlich bleibt. Generell empfinde ich visuelle Rückmeldungen – insbesondere die vielen zusätzlichen Displayinformationen – gut gemacht und übersichtlicher als bei einer der neuen MPCs. Ist aber sicherlich alles auch Gewöhnungs- und Geschmacksache. 

Performance

Das geschlossene System fühlte sich rasch arbeitend an und die Ladezeiten sind nicht anders als bei der Desktop/Controller-Version im Verbund mit einem modernen Rechner und SSDs. Der Boot-Vorgang dauert keine 20 Sekunden! Hier und da hat sich Maschine+ aber auch mal aufgehängt und das Projekt gefressen, typische Kinderkrankheiten halt.

Ein kurzer Test mit acht Instanzen aus einer Kombination aus Massive, Monark, Reaktor und Prism war performant und eine Notwendigkeit zu rendern bestand nicht. Von dem CPU-Meter sollte man sich nicht täuschen lassen, dessen Informationsgehalt ist nicht wirklich viel wert: Manchmal zeigt es bei nur einem Synth bereits eine fette Auslastung an – und wenn dann doch mal alle Parts voll am Knallen sind, erhöht sich der Load nur sehr wenig. Meine anfängliche Skepsis, dass die Kiste untermotorisiert sei, ist verflogen.

Mit der Funktion "Export Ideas as Audio" kann man "virtuelle" und "externe" Erzeugnisse ohne Probleme auch jederzeit als Audio fixieren, CPU-Power freigeben und wie gewohnt mit Sample-Instanzen weiterarbeiten. Eine explizite Freeze-Funktion gibt es aber nicht. 

Clips und Neues

Maschine+ bringt eine neue Software-Version für die DAW mit, sodass neue Features nicht nur der Hardware sondern auch der Software – und damit Usern alter Controller – zu Gute kommen, darunter beispielsweise die neuen Clips. Dazu sage ich aber nur kurz etwas, weil wir auf solche Features explizit in einem umfangreichen Workshop eingehen werden. 

Also, Clips: Patterns sind im Maschine-Kosmos nur global veränderbar, ändert man beispielsweise in einem Song „Pattern 5“ im Intro, wirkt sich das auch auf „Pattern 5“ im Outro aus. Nicht so mit Clips, da diese für einmalige Ereignisse im Song gedacht sind und den Workflow übersichtlicher halten sollen. Neu ist auch die Anzeige der Clip-Längen via Touchstrip-LEDs bei Maschine+, was mit dem letzten Update auch bei Maschine Mk3 so funktionieren sollte. 

To Akku or not – wer ist die bessere MPC?

Der Formfaktor von Maschine+ und MK3 ist top. Die Dinger nimmt man gern auf Reisen mit. Dass es keinen eingebauten Akku gibt, finde ich nur ein bisschen schade – schlimm ist es nicht. Tatsächlich spricht sogar mehr dagegen als dafür. 

Das liegt u. a. daran, dass Akkus nicht so genormt sind, als dass man auf solide Drittanbieterlösungen zurückgreifen könnte. Das hat zur Folge, dass ein einmal fälliger Wechsel umständlich und wahrscheinlich teuer geworden wäre, vom Brandrisiko ganz abgesehen. Schwerer und größer wird das Ganze dadurch auch. Wer steckdosenbefreit reisen möchte, findet sicherlich gute und günstige Powerbanks mit AC-Anschluss.

CV-Buchsen dürften sich auch einige wünschen – da hat Akai mit seinen MPCs zweifelsohne mehr zu bieten. Aber fängt man mit dem einen an, will der nächste noch mehr … Alles sollte dazu noch komfortabler in die Software eingebunden werden – man denke nur an Ableton Live und die neuen CV-Möglichkeiten. Was ich richtig vermisse, ist ein Phono-Preamp – und sei es mit Adapterkabel. Bei gleichem Preis ist die MPC Live II der Maschine+ damit hardware-feature-mäßig überlegen: Speaker, Akku, Phono-Preamp, zweimal DIN MIDI, viermal CV/Gate, einbaubare SSD, Touch-Screen – all das findet sich auf ihrer Habenseite. Aber am Ende ist der Workflow mehr Argument für eine der beiden Kisten. 

Beispielsweise empfinde ich das Touch-Screen-Konzept der MPC – wenn es an sich auch geiler aussieht als die kleinen, betagten Displays der Maschine+ –  schon auch fummelig und so drückt man gern mal daneben, insbesondere wenn man hart am Grooven ist. Die vielen Tastenklicks der Maschine kann man trainieren und flink werden – nicht, dass ich dafür Geduld hätte, aber nun gut. Die MPC Live II ist außerdem der deutlich unhandlichere Klotz, die Maschine hingegen edel und einfach „slick“.  Die verfügbaren Sample-Packs sind nochmal ein Thema für sich. Und weil man das nicht alles fachgerecht in einem Absatz abhandeln kann, werden wir dazu ebenfalls ein gesondertes Feature bringen.

Audiobeispiele

Pro & Contra

  • vollständige Produktionsumgebung
  • ohne Computer verwendbar
  • via USB-A erweiterbar
  • schlanker Formfaktor
  • Content via WLAN

  • Synths nur eingeschränkt bedienbar
  • relativ wenige und alte Effekte

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