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Workshop
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18.05.2016

Play-Alike Chuck Rainey - Bass Workshop

Chuck Raineys beste Riffs und Lines in Noten und Tabs

Tutorial - Spielen wie die Stars

Was haben Quincy Jones, Donny Hathaway, Aretha Franklin, Bette Midler, Jackson Browne und Robert Palmer gemeinsam? Wenn es um die tiefen Töne geht, griffen all diese Künstler nur allzu gern auf die Dienste von Chuck Rainey zurück, der deswegen schnell zu einem der gefragtesten Live- und Studiobassisten seiner Zeit avancierte. Wir beleuchten das Werk und den Personalstil des Meisters, der sich glücklicherweise nach wie vor bester Gesundheit erfreut und auch heute noch musikalisch tätig ist. 

Charles Walter Rainey III. wurde am 17. Juni 1940 in Cleveland/Ohio geboren. Sein erstes Instrument war die Trompete. Über den Umweg Baritonhorn landete er während seiner Militärzeit bei der Gitarre. Da er an der Trompete klassisch ausgebildet war, hielten sich seine improvisatorischen Fähigkeiten jedoch in Grenzen. Deshalb beschränkte er sich auf das Spiel der Rhythmusgitarre. Von hier aus war es nur noch ein kurzer Weg zum Bass. 1962 wagte Rainey den Sprung ins Profilager. Er zog nach New York und war in den folgenden 3,5 Jahren als Bassist für den Saxophonisten King Curtis tätig. Mit der King Curtis Allstar Band spielte Rainey auch als Opener für die Beatles auf deren zweiter Amerika-Tournee - ein Erlebnis, das Chuck Rainey als eines der prägendsten seiner Musikkarriere bezeichnet.

Es folgte ein Engagement bei Sam Cook, wo er Eric Gale kennenlernte. Gale war nicht nur Gitarrist, sondern hatte zusätzlich den Job des Contractors, (also "Musikbestellers") inne. Er begann, Rainey für Studiojobs zu buchen, der sich schnell einen Namen in der New Yorker Musikszene machen konnte. In den folgenden Jahren versorgte er Künstler wie Sam Cooke, Etta James, Jackie Wilson, Harry Belafonte, The Supremes, Roberta Flack, Donny Hathaway und Aretha Franklin mit tiefen Tönen. Live und im Studio spielte Rainey häufig mit dem Schlagzeuger Bernard Purdie zusammen. Gemeinsam bildete das Duo die 1st-Class-Rhythm-Section in New York.

Über die Jahre hat Chuck Rainey auch immer wieder Sessions in Los Angeles gespielt. Da es dort deutlich mehr Jobs für Studiomusiker gab, entschloss er sich 1972 in die Westküsten-Metropole zu ziehen. Dort avancierte er zum First-Call-Bassisten für Quincy Jones und andere Produzenten. Während es bei vielen Jobs in Los Angeles lediglich darum ging, ausnotierte Parts vom Blatt zu spielen, hatte Quincy Jones eine andere Herangehensweise: Nur selten hatte der Kult-Produzent die Parts für die Rhythm-Section ausnotiert - vielmehr verließ er sich auf den kreativen Input seiner Musiker. Diese Arbeitsweise kam Chuck Rainey sehr entgegen, denn auf diese Weise konnte er sich musikalische voll ausleben.

Rainey besaß zudem eine besondere Verbindung zu der Band Steely Dan, die ihn seit 1974 immer wieder als Studiomusiker buchte. Ab Mitte der 1980er-Jahre zog sich Rainey aus der Recording-Szene zurück. Seit den 90ern veröffentlichte er vier Soloalben und ist ein weltweit gefragter Workshop-Dozent.

Stil und Equipment

Chuck Raineys erster Bass war ein 57er Fender Precision Bass, den er 1961 von seinem Dasein als Ladenhüter befreite. Dieses Instrument war viele Jahre sein Hauptbass. Als Ersatz besaß er zwei 62er Precision-Bässe - jeweils mit Rosewood-Griffbrett. Mit dem Umzug nach Los Angeles sah sich Rainey mit anderen Anforderungen an seinen Basssound konfrontiert. Um flexibler auf die Wünsche des jeweiligen Produzenten eingehen zu können, ließ er in seinen 57er Precision Bass einen zusätzlichen DeArmond-Pickup in Nähe der Brücke einbauen. Anfang der 80er-Jahre ging der Precision Bass schließlich "in Rente". Rainey bevorzugte zu dieser Zeit die Bässe der Firma Spector und wechselte später zu Instrumenten von Ken Smith.

Zu dieser Zeit fing Rainey auch an, mit Fünf- und Sechssaitern zu experimentieren. 1991 ging der Ken Smith Chuck Rainey Signature Bass in Serie. Dieses Modell war als Vier-, Fünf- oder Sechssaiter erhältlich und orientierte sich an der Ken Smith BT-Serie. Anders als die Instrumente dieser Serie besaß das Rainey-Modell jedoch keinen durchgehenden, sondern einen Schraubhals.

Seit Ende der 1990er-Jahre ist Rainey mit verschiedenen Boutique-Bässen zu sehen: Unter anderem benutzte er Instrumente der Firmen Adler, Fodera und Xotic. Heute spielt er Fender- und Warwick-Bässe.

Stilistisch orientiert sich Chuck Rainey an James Jamerson, dem "Hausbassisten" beim Label Motown Records in den 60er- und 70er-Jahren. Jamersons Stil zeichnet sich durch synkopierte Achtel- und Sechzehntelnoten-Linien und den häufigen Gebrauch von chromatischen Durchgangstönen aus. Wer sich näher mit Jamersons Stil auseinandersetzen möchte, dem sei das Buch "Standing In The Shadow Of Motown" von Allan Slutsky wärmstens empfohlen. Rainey ist allerdings keinesfalls ein Jamerson-Klon. Vielmehr hat er den Stil des Motown-Bassisten adaptiert und ihn um verschiedene Elemente erweitert. Zu einem wäre da seine bemerkenswerte Anschlagtechnik: Wie sein Idol schlägt auch Rainey die Saite zumeist nur mit dem Zeigefinger der rechten Hand an. Während Jamerson dabei aber die Technik vom Kontrabass übernommen hat, hat Rainey diese weiterentwickelt. Bei stundenlangen Studio-Sessions wurde ihm die einseitige Belastung für den Zeigefinger zu hoch, deshalb entwickelte er die sogenannte "Back and Forth"-Technik. Dabei schlägt er die Saite abwechselnd mit der Fingerkuppe und in der Rückwärtsbewegung mit dem Fingernagel des Zeigefingers an. Alle seiner Basslinien lassen sich aber natürlich auch mit der herkömmlichen Wechselschlagtechnik spielen.

Ein weiteres Stilmittel Raineys ist der häufige Gebrauch von Slides und Double Stops (zwei simultan angeschlagene Töne). Schon früh benutzte Rainey auch eine Art Vorläufer der heutigen Slaptechnik. Er schlug dabei die Saiten mit dem Handballen der rechten Hand am Anfang des Griffbretts an. In den späten 70er-Jahren fing Chuck Rainey an, die Wechselschlag-Technik sowie die konventionelle Slaptechnik zu benutzen.

Chuck Raineys Basslinien – der Workshopteil

In diesem Workshop beschäftigen wir uns mit den klassischen Chuck-Rainey-Linien. Sie repräsentieren den Stil, den Rainey während seiner Hochphase als Studiomusiker zwischen 1970 und 1985 spielte.

Jamerson-Inspirierte Linien

Beispiel 1: Sandford And Son Theme (The Streetbeater)

Beginnen wir mit dem Titel "Sandford And Son Theme (The Streetbeater)". Quincy Jones komponierte diesen Titel 1972 als Eingangsmusik für die gleichnamige Fernsehserie. Neben der gekürzten Version für das Fernsehen gibt es auch eine Albumversion des Titels. Dort finden wir das tolle zweitaktige Bass-Fill-In aus Beispiel 1 (beginnend ab 0.49 min.). Dieses Fill ist eindeutig von James Jamerson beeinflusst, denn es enthält synkopierte Sechzehntelnoten-Linien, chromatische Durchgangstöne und ein furchtloses "Top-Of-The-Beat"-Time Feel.

Beispiel 2: Magnificent Sanctuary Band

Auch in der Basslinie zu dem Donny-Hathaway-Titel "Magnificent Sanctuary Band" finden sich einige Jamerson-Zitate. Während sich Rainey zu Beginn des Songs noch eher zurückhält, wird die Linie zum Ende hin recht busy. Die zehntaktige Transkribtion beginnt ab Minute 3.17. In Takt 2 und 5 finden wir wiederum einige typische Jamerson-Licks.

Beispiel 3: April Fools

Die nächste Transkription zeigt einen Ausschnitt aus dem Titel "April Fools" von dem 1972er Aretha-Franklin-Album "Young, Gifted And Black" (beginnend ab 0.08 min.). Locker groovt sich Rainey hier durch die Akkordfolge, wobei er den Fokus stets auf den Grundton und die Quinte des Akkords legt und diese durch akkordeigene Töne und chromatische Durchgangstöne miteinander verbindet. In Takt 6 finden wir einen Double Stop - ein Stilmittel, welches sich quasi zum Markenzeichen Raineys entwickelt hat.

Akkorde und Double Stops

Beispiel 4 a - e

Um dieses Stilmittel besser zu verstehen, unternehmen wir einen kleinen Ausflug in die Welt der Musiktheorie: ein Akkord besteht bekanntlich aus Grundton, Terz und Quinte. Fügt man noch die Septime hinzu, erhält man einen Septakkord. Das sogenannte Voicing des Akkordes bezeichnet die Reihenfolge, in der man die Töne eines Akkordes anordnet. In den folgenden Beispielen wollen wir uns ein paar typische Chuck-Rainey-Voicings anschauen.

Chuck Rainey benutzt häufig verkürzte Versionen eines Septakkords. Dabei spielt er die Terz und die Septime auf der D- und G-Saite. Aber selbst, wenn man sich auf diese beiden Töne beschränkt, gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie man sie anordnen kann, nämlich entweder "Terz/Septime" oder die Umkehrung "Septime/Terz". Wenn man den Akkord vervollständigen möchte, fügt man noch den Grundton hinzu, der auf der E- oder A-Saite gegriffen wird.

In den folgenden drei Beispielen (4 a-c) habe ich die verschiedenen Möglichkeiten zusammengefasst, um auf diese Art Major 7-, Dominant 7- und Moll 7-Akkorde auf dem Bass zu spielen. In den Beispielen 4 e und d werden die leitereigenen Akkorde der C-Dur-Tonleiter nach gleichen Prinzip "ausgevoiced".

Beispiel 5: Basic-Groove aus "Josie"

Unser erstes Beispiel zeigt den Basic-Groove des Stückes "Josie" vom Steely Dan-Album "Aja" aus dem Jahre 1977. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die bekannteste Basslinie Raineys. Die Tonart ist E-Moll und der Groove beginnt mit der leeren E-Saite, gefolgt von einem Hammer-On von der großen Sexte auf die kleine Septime. Danach wird wieder die leere E-Saite angeschlagen. Die Finger der Greifhand haben hier also genug Zeit, um das Griffbrett bis zum elften Bund hinauf zu wandern. Dort kommen die Double Stops zum Einsatz. Über chromatische Durchgangsnoten werden die Töne D und G angesteuert; vom Grundton E aus gesehen handelt es sich dabei also um die kleine Septime und die kleine Terz. Der Double Stop bestehend aus den Tönen D und E impliziert also einen E-Moll7-Sound.

Beispiel 6: Summer in the City

Das zweite Beispiel zeigt einen Ausschnitt aus dem Titel "Summer In The City" in der 1973er-Version von Quincy Jones. Es handelt sich um einen II-V-Vamp (also eine "im Kreis" wiederholte Akkordfolge), welcher sich nach viermaliger Wiederholung zu A-Moll7 auflöst.

Zuerst spielen das B auf dem siebten Bund der E-Saite. Jetzt müssen wir mit der Greifhand schnell die Position wechseln, denn weiter geht es auf dem 14. Bund der A-Saite. Von dort aus werden die Töne B, D und A gespielt. Hierbei handelt es sich um akkordeigene Töne des Akkords B-Moll 7.

Beispiel 7: Reverend Lee

Der Titel "Reverend Lee" von Roberta Flack ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein Studiomusiker einem vorgegebene Part seine eigene Note verpassen kann, denn die Basslinie ist ein elementarer Bestandteil der Komposition und bildet quasi die "zweite Hookline" neben dem Gesang. Donny Hathaway hat sie geschrieben, gab Chuck Rainey allerdings die Freiheit, um um die Linie herum kleine Fill-Ins einzustreuen.

Im Takt 8 der Transkription finden wir ein schönes Beispiel dafür. Aber Vorsicht: Dieses Fill-In hat es in sich: die leere A-Saite bleibt nämlich stehen und darüber erklingt das C# auf dem 18. Bund der G-Saite, welches ebenfalls gehalten wird. Dazwischen werden die Töne F# und G auf dem 16. und dem 17. Bund der D-Saite jeweils abwechselnd mit der Leersaite gespielt. Wichtig ist, dass man dabei weder die A- noch die G-Saite berührt, denn die Töne sollen weiter klingen.

Beispiel 8: Young, Gifted And Black

Unser letztes Beispiel zeigt einen Ausschnitt aus der Strophe des Stückes "Young, Gifted And Black". Zu finden ist dieser Song auf dem gleichnamigen Album von Aretha Franklin. Hier wird deutlich, welchen Einfluss der Jazzbassist Ray Brown auf Chuck Rainey hatte: Die Licks in Takt 3 und 4 sind nämlich von dem Kontrabass-Altmeister entliehen. Rainey lässt jeweils die Leersaite klingen und spielt darüber die Oktave, um dann über einem chromatischen Durchgangston auf der kleinen Septime zu landen.

Slapping

Beispiel 9: Intro-Groove aus Summer In The City

Bei diesem Beispiel handelt es sich um den Eingangs-Groove des Stückes "Summer In The City" von Quincy Jones. Hier kann man wunderbar hören, wie ein alter Precision Bass mit Flatwound-Saiten klingt, wenn man ihn slappt.

Beispiel 10: Bassgroove zu "Woody And Dutch On The Slow Train To Peking"

Der Bassgroove zum Titel "Woody And Dutch On The Slow Train To Peking" von Rickie Lee Jones 1981er-Album "Pirates" wird fast durchgehend geslappt. Hier hören wir den "80er-Jahre-Rainey" at his best! Vermutlich hat Chuck für die Aufnahme einen seiner Spector-Bässe mit Roundwound-Saiten gespielt. Unsere Transkribtion beginnt mit dem Instrumental-Teil ab Minute 2.52. Bei dem Groove handelt es sich um eine funky Version einer typischen Rock'n'Roll-Basslinie im Stil der 50er-Jahre.

Beispiel 11: Hauptgroove aus "Just A Kiss Away"

Unser letztes Beispiel zeigt den Hauptgroove des Stückes "Just A Kiss Away" von Allen Toussaint aus dem Jahr 1978. Es ist eine schöne Kombination aus Fingerspiel und Slaptechnik. Die ersten zwei Takte werden mit den Fingern gespielt. Dabei handelt es sich um einen Chuck-Rainey-typischen 1-5-1-Groove, gefolgt von einem Oktav-Slaplick der "alten Schule".

Ich hoffe, ich konnte euch damit einen kleinen Einblick in die Welt des legendären Chuck Rainey geben. Für weitere Recherchen und eigene Transkriptionen habe ich noch eine Auswahl-Diskografie zusammengestellt.

Diskografie (Auswahl):

  • 1968: George Benson - Goodies
  • 1969: Quincy Jones - Walking in Space
  • 1969: Dizzy Gillespie - Cornucopia
  • 1969: Gary Burton - Good Vibes
  • 1970: Roberta Flack - Chapter Two
  • 1971: Donny Hathaway - Donny Hathaway
  • 1971: Bernard Purdie Stand By Me (Whatcha See Is Whatcha Get)
  • 1971: Roberta Flack - Quiet Fire
  • 1972: The Crusaders - Hollywood
  • 1972: The Crusaders - 1
  • 1972: Joe Walsh - Barnstorm
  • 1972: Aretha Franklin - Amazing Grace
  • 1972: Tim Buckley - Greetings from L.A.
  • 1973: Afrique - Soul Makossa
  • 1973: Quincy Jones: You´ve Got It Bad Girl
  • 1973: Aretha Franklin - With Everything I Feel in Me
  • 1974: Steely Dan - Pretzel Logic
  • 1975: Harvey Mason - Marching In The Street
  • 1975: Steely Dan - Katy Lied
  • 1976: Robert Palmer - Some People Can Do What They Like
  • 1976: Nils Lofgren - Cry Tough
  • 1976: Patti Austin - End of a Rainbow
  • 1976: Steely Dan - The Royal Scam
  • 1976: David T. Walker - On Love
  • 1976: Jackson Browne - The Pretender
  • 1976: Marvin Gaye - I Want You
  • 1977: Tom Scott - Blow It Out
  • 1977: Steely Dan - Aja
  • 1978: Dusty Springfield - It Begins Again
  • 1980: Steely Dan - Gaucho
  • 1981: Rickie Lee Jones - Pirates
  • 1982: Donald Fagen - The Nightfly
Veröffentlicht am 18.05.2016

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