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26.12.2019

Schallwandler Podcast: Dr. Motte

Gespräche mit Klangforschern und Soundtüftlern

Dr. Motte über die 80er, John Peel, elektronische Musik, seinen Anspruch als DJ heute, Architektur und Betonbau

Kaum ein Mensch hat die elektronische Musikszene so entscheidend geprägt und verändert wie Dr. Motte. Er gilt als der Vater der Loveparade und ist auch heute noch ein  Botschafter der elektronischen Musik weltweit. Sein Sound ist energetisch und vielschichtig. In seinen DJ-Sets verbindet Dr. Motte Acid mit treibendem Techno und nimmt sein Publikum mit auf spannenden Trips durch seinen Kosmos.

Noch bevor Techno die Tanzflächen der Welt eroberte, stand Dr. Motte als DJ hinter den Turntables. Auf der Suche nach neuen musikalischen Erfahrungen tauschte der Autodidakt 1985 Schlagzeug und Sticks gegen Vinyls und Plattenspieler. In seinem eigenen Club Turbine Rosenheim entwickelte er schon früh seinen Stil des Mixings, für den er aus einem umfangreichen Repertoire aus Jazz, Punk, Funk, Soul, Disco und EBM schöpfte. Wie kaum ein anderer schaffte er es, all diese Genres miteinander zu verknüpfen. In der Turbine Rosenheim veranstaltete er, nur zwei Jahre später, die ersten Acid House Partys in Berlin.

Dr. Motte ist Mitgründer des Kultlabels Space Teddy Recordings, auf dem er 1992 erstmalig unter dem Namen Dr. Mottes Euphorhythm sein erstes Album Chill Out Planet Earth veröffentlichte. Im selben Jahr erschien auf Tresor Records eine weitere Platte, durch die dem Berliner Techno endlich auch der internationale Durchbruch gelang und die bis heute als eine der wichtigsten Scheiben dieser Zeit gilt: 3Phase feat. Dr. Motte – Der Klang der Familie.

Dieser erfolgreichen Kooperation folgten noch viele weitere, unter anderem mit Robert Babicz, Gabriel Le Mar, Tom Wax, Westbam, Namito, 3 Phase, Johnny Klimek, Paul Browse, Marc Van Linden, DJ Dag und vielen mehr.

Als „Forscher“ auf der ständigen Suche nach neuem Sound gründete Dr. Motte 2010 sein Plattenlabel PRAXXIZ. Kompromisslos präsentiert er darauf in unregelmäßigen Abständen Musik, die seinen persönlichen Geschmack und sein Verständnis für qualitativ hochwertige elektronische Musik widerspiegelt. Das FAZEmag kommentierte die Best Of PRAXXIZ CD-Compilation mit dem Satz: „PRAXXIZ rettet das Gefühl von damals mit den Sounds der Moderne in die Zukunft.“

2015 feierte Dr. Motte sein 30-jähriges DJ-Jubiläum mit einer internationalen Tour unter dem Motto der ersten Loveparade: FRIEDE. FREUDE. EIERKUCHEN. // 30 Years Of Dr. Motte. Tour-Stopps gab es unter anderem in Australien, China, Italien, Indien, Polen, Österreich, Ungarn, den Niederlanden und natürlich in Deutschland.

Ehe Dr. Motte mit Musikproduktionen und Remixen erfolgreich wurde, hatte er 1989 im Jahr des Berliner Mauerfalls eine Idee in die Tat umgesetzt, die ein neues Kapitel in der Musikgeschichte schreiben sollte: eine Demonstration zur Darstellung der Gegenwartskultur der elektronischen Tanzmusik namens Loveparade.

 

Am 1.7.1989 fand die Loveparade erstmals in Berlin statt und war als politische Demonstration für „Friede, Freude, Eierkuchen“ angemeldet worden. Die Idee dazu hatte Dr. Motte sechs Wochen zuvor, am Morgen vor einer Party-Location in Berlin-Kreuzberg. Nachdem ihm Bekannte von illegalen Raves in England erzählt hatten und wie die Gäste nach deren Auflösung durch die Polizei einfach auf der Straße weitergetanzt hatten, war Dr. Motte inspiriert von diesem Bild. Er überlegte, wie dieser Spirit in Berlin Ausdruck finden könnte. Schließlich kam ihm die Idee, eine Demonstration anzumelden.

Was anfangs nur ein gemeinsames Tanzen auf der Straße sein sollte, wurde schnell politisch, als für die Anmeldung ein Demonstrationsgrund nötig wurde. Und so beschloss man eine Demonstration für „Friede, Freude, Eierkuchen“ durchzuführen. Dabei stand „Friede“ für Abrüstung, „Freude“ für Musik als Mittel der Völkerverständigung und „Eierkuchen“ für eine gerechte Nahrungsmittelverteilung.

Die Technokultur entwickelte sich zur wichtigsten Jugendbewegung der 90er Jahre, die Loveparade zu ihrem inoffiziellen Feiertag. Die Zahl der Teilnehmer stieg innerhalb von zehn Jahren von 150 auf sagenhafte 1,5 Millionen Raver, die gemeinsam friedlich auf der Straße des 17. Juni tanzten. Trotz des überwältigenden, auch kommerziellen Erfolges der Parade blieb Dr. Motte seiner klaren, musikalischen Linie und dem Spirit der ersten Stunde treu. Nach dem Verkauf der Marke Loveparade im November 2005 und der Parade im darauffolgenden Jahr distanzierte er sich aus inhaltlichen und idealistischen Gründen öffentlich.

Zum 30-jährigen Bestehen der Loveparade hat Dr. Motte 2019 eine Ausstellung in Berlin kuratiert: „30 Jahre Loveparade“, die erste Sonderausstellung zur Geschichte der Parade.

In Zusammenarbeit mit dem Berliner Kurator Michael Geithner aus den 90er Jahren gibt Dr. Motte persönliche Einblicke in die außergewöhnliche Geschichte der Berliner Loveparade. Sie zeigen, dass die Idee, Menschen in Vielfalt unter dem Dach der elektronischen Musik zu vereinen, in Berlin bis heute Bestand hat. Die Sonderausstellung ist eine Erweiterung der Dauerausstellung und die läuft noch bis zum 31. Januar 2020. Tickets und weitere Infos gibt es hier.

Schallwandler

Elektronische Musik Fans und Tänzer weltweit pilgern nach wie vor zu Dr. Mottes Auftritten. Wo der Doktor die Platten dreht, teilen sich Oldschool-Raver und die Generation Z die Tanzfläche und erleben dabei ein ganz besonderes Wir-Gefühl. Der Kult DJ ist immer noch ziemlich busy, egal ob er gerade auf großer Tour ist, wie jüngstens in Australien, Indien oder Japan, ob er die Bühnen großer nationaler und internationaler Festivals wie dem Antaris Project rockt oder kultige Clubs weltweit bespielt wie den Pepper Club in Shenzhen in China oder sich auf einer Charity-Veranstaltung engagiert. Mit fast 60 ist Motte so agil und voller Pläne wie eh und je.

Ich habe Dr. Motte erstmals als DJ Anfang der 90er Jahre in der Ständigen Vertretung im Tacheles in Berlin gesehen und gehört. Für mich eine der besten Partys ever. Ich war von Anfang bis Ende nonstop auf dem Dancefloor! Der Spirit zu dieser Zeit war einfach  besonders!

Obwohl ich häufig auf Partys von und mit Motte war, habe ich ihn jedoch bis heute nie persönlich kennengelernt. Darum habe ich mich ganz besonders auf diese Begegnung gefreut. Da Motte selbst gerade kein Studio nutzt, kam er einfach zu mir. Da er ganz in der Nähe wohnt, hatte er es nicht weit. Gewohnt lässig und stylish mit Basecap und coolen Sneakers stand er etwas verspätet vor meiner Tür und hatte große Lust zu erzählen. Besonders gefreut hat mich eine kleine Anekdote aus seiner Jugend über ein Projekt mit einem Freund, in dessen verlottertem Zimmer die beiden Spandauer Boys sehr kreativ waren.

Was die beiden gebaut haben und was Motte sonst noch zu berichten hatte, das alles gibt es in dieser Ausgabe vom Schallwandler zu hören. Viel Vergnügen!

Veröffentlicht am 26.12.2019

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