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29.03.2019

Workshop: Kreativ üben

Übekonzepte für den Weg aus dem Kreativitäts-Loch!

Tipps & Tricks für mehr neue Ideen, Anstöße und Inspiration beim Üben

Warst auch du schon einmal in der frustrierenden Situation, dass deine Basslinien immer mehr oder weniger gleich klingen? Du bist definitiv kein Anfänger mehr, du kannst eigentlich sogar schon ganz ordentlich spielen. Jedes Mal aber, wenn du zum Jammen ansetzt oder dir ein Riff für einen neuen Song deiner Band ausdenkst, kommt der gleiche langweilige Kram dabei raus: die gleichen Skalen, die gleichen Akkorde, der gleiche Rhythmus, die immergleiche Technik. Was ist der Grund dafür, dass du einfach auf nichts Neues kommst und jedes Mal den "immergleichen Schmu" spielst, während dir auf Youtube die abgefahrensten Bassisten aller Zeiten begegnen, die scheinbar alle tausendmal kreativer sind als du?


"Jeder Bassist auf Youtube ist besser als ich!"

Funky Plekspieler wie Cody Wright und Bobby Vega, kreative Solobassisten wie Grant Stinnet oder Zander Zon, donnernde Slapper wie Lars Lehmann oder Wojtek Pilichowski, jazzige Fusionvirtuosen wie Hadrien Feraud oder Jeff Berlin, mitreißende Groovespieler wie René Flächsenhaar - sie haben zwei Dinge gemeinsam. Erstens: Sie beweisen, was auf dem E-Bass alles möglich sein kann und hauen uns damit tierisch vom Hocker. Zweitens: Sie lassen uns an uns selbst zweifeln und erschüttern unser Selbstbewusstsein so gründlich, dass wir ab und an unseren Bass am liebsten in die Ecke stellen wollen!

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"Ich spiele immer nur das Gleiche. Irgendwie stecke ich gerade total in einem Loch!" Wenn wir die Virtuosen auf Youtube sehen, fällt es durchaus leicht zu resignieren und uns zu sagen, dass wir wohl einfach nicht kreativ genug sind. Jedenfalls nicht so wie "die Großen". Vielleicht ist an der Sache mit dem Talent ja wirklich was dran? Vielleicht sind wir tatsächlich einfach nicht talentiert genug. Vielleicht müssten wir tatsächlich jeden Tag sechs Stunden üben - aber wenn dem so ist: was soll man üben?

Es gibt ein Geheimnis! Einen Weg heraus aus dem kreativen Loch! In diesem Artikel möchte ich dir helfen, diese Herausforderung anzugehen.

Tatsächlich können wir uns in guter Gesellschaft fühlen, denn jeder Musiker kennt dieses Loch und hat selbst schon einmal in ihm gesessen. Egal, ob John Myung, Flea, Les Claypool oder wer auch immer dein Idol ist: Jeder Musiker ist schon an dem Punkt gewesen, an welchem er mit seinem Spiel absolut unzufrieden war und nicht weiter wusste. Das gehört zum Weg dazu. Die Herausforderung ist, da wieder heraus zu kommen!

Unbeschwertes, neugieriges Üben - gab es das nur früher?

Weißt du noch, wie es war, als du mit dem Bassspielen angefangen hast? Ganze Nachmittage und Nächte lang warst du völlig in deinen Bass vertieft. Du hast neue Klänge entdeckt, neue Möglichkeiten, eine völlig neue Welt hat sich dir eröffnet. Wenn du an deinem Bass gesessen hast, warst du wie ein Kind: offen und neugierig, in einem fast tranceartigen, meditativen Zustand. Jammen mit Freunden, das war magisch!

Das komplette Gegenteil zu heute, wo du nicht mehr inspiriert spielst, sondern routiniert. Stell dir vor, du könntest zu diesem Punkt zurück, an dem es noch so viel zu entdecken gab. Stell dir vor, du könntest es nicht abwarten, von der Arbeit zu kommen, um endlich wieder zu üben, anstatt erschöpft aufs Sofa zu sinken. Stell dir vor, du würdest wieder üben wie früher. Das geht! Es gibt noch immer eine Menge zu entdecken, du findest lediglich den Zugang nicht. Was also ist der Grund, das du in einem Loch steckst und immer nur das Gleiche spielst?

Lass uns das einmal ganz genau beleuchten: Als du angefangen hast, Bass zu spielen, hattest du ganz klare, kurzfristige Ziele. Du wolltest deine Band begleiten, einen Song mitspielen, eine coole neue Technik lernen. Du hattest null Ahnung und hast "einfach mal angefangen". Du konntest nicht anders, als etwas Neues zu spielen, denn du hattest ja davor noch überhaupt nichts gespielt. Mit der Zeit hast du einiges herausgefunden: Du hast die wichtigsten Dinge begriffen, um als Bassist in deiner Situation zu wirken. Das, was du spielst, funktionierte auf einmal. Und was funktioniert, wird beibehalten, frei nach dem Motto: "Never change a winning team!"

Du hast dir einen Grundstock an spieltechnischem Repertoire zugelegt, auf den du immer wieder zurückgreifen kannst. Die Dinge, die du kannst und bei denen du dich sicher fühlst. Deine spielerische "comfort zone". Herzlichen Glückwunsch also! Wenn du festhängst, heißt das nämlich auch: Du kannst schon was!

Beim Üben geht es um die Erweiterung des eigenen musikalischen Horizontes

Wie schaffen es andere Bassisten, derart abgefahrenen Dinge zu spielen, während du nur auf der Mollpentatonik herumnudelst? Treten sie aus ihrer Komfortzone heraus? Nein. Sie haben einfach nur eine größere Komfortzone als du - einen weiteren Horizont! Ein größeres "Loch", wenn du so willst. Das Loch, in dem du steckst, ist also nichts anderes als dein musikalischer Horizont, den jeder hat. Da dauerhaft herauszukommen, funktioniert nicht. Höchstens zwischendurch mal kurz, wenn du spontan ein neues Lick oder eine neue Technik einbringst (was ja in spontanen Situationen gerne mal daneben geht!).

Die richtige Frage lautet also nicht "Wie komme ich aus dem Loch heraus?", sondern "Wie erweitere ich meinen Horizont?" Das ist zwar noch keine Lösung, wohl aber eine neue Sichtweise auf das Problem!

Um deinen Horizont zu erweitern, musst du ihn mit neuen Dingen füllen. Mit Dingen, die du bis jetzt noch nicht einmal kennst. Klar, denn wenn du sie kennen würdest, wären sie ja bereits Teil deines Horizonts. Es geht darum, Neues zu üben, was du noch nie geübt hast, Neues zu denken, was du noch nie gedacht hast. Du musst völlig neue Verschaltungen in deinem Gehirn herstellen, um aus deinem Trott herauszukommen. Neue Dinge üben, die du noch nie geübt hast.

Aber so wahr dieser Hinweis auch ist, so wenig hilfreich ist er auch zunächst. Wo soll denn das Neue herkommen? Dass du auf nichts Neues kommst, ist ja gerade das Problem. Da fing das Ganze Dilemma ja überhaupt erst an!

Wie du kreativ übst und dein Gehirn "neu verschaltest"

Jeder kennt den Begriff "Assoziation". Er bedeutet, eine Verbindung zwischen zwei Dingen herzustellen, die miteinander zu tun haben. Das ist meist ziemlich einfach und schafft keine wirklich neuen Verbindungen im Gehirn. Ganz anders verhält es sich aber, wenn du Dinge miteinander in Verbindung bringst, die scheinbar überhaupt nichts miteinander gemein haben. Die Herausforderung, vor der dein Gehirn steht, ist es, die eingetretenen Pfade zu verlassen. Das tut es aber nicht in normalen, alltäglichen Situationen, sondern immer nur dann, wenn es vor einer Aufgabe steht, die es noch nie vorher erlebt hat.

Neue Probleme und Herausforderungen, die mit den alten Lösungskonzepten nicht zu bewältigen sind, bringen dein Gehirn ins Rattern. Es muss kreativ werden, um neue Lösungen zu finden. Auf diese Weise schafft es neue Verbindungen. Was das für dich im Speziellen heißt, ist, dass du auf neue Ideen kommst. Du lernst, Dinge zu denken, die du bisher noch nicht denken konntest.

Wo kreatives Üben beginnt

Sich aus dem Nichts etwas vollkommen Neues auszudenken, ist völlig unmöglich. Auch die innovativsten Erfindungen kamen nicht aus dem Nichts, sondern sind immer aus der Kombination aus Vorangegangenem entstanden. Um etwas Neues zu schaffen, werden immer zwei Dinge kombiniert, die (für dich) bisher nichts miteinander zu tun hatten.

Beispiel 1: Funky Plektrumspiel im Stil von Bobby Vega

Ich will dir dieses Prinzip hier an einem Beispiel demonstrieren. Ich stehe total auf die funky Plektrumtechnik von Bobby Vega, die du hier bewundern kannst:

Die Grooves von Bobby so originalgetreu wie möglich nachzuspielen wäre sicher eine gute Übung für mich. Richtig kreativ wird es aber erst, wenn ich seinen ganz bestimmten Stil mit etwas völlig Anderem mische. Ich suche mir also einen Song heraus - irgendeinen - und frage mich dann: Wie würde Bobby den spielen?

Hierbei ist es nicht das Ziel, seinen Stil zu 100% kopieren, sondern lediglich das Wesentliche seiner Spielweise zu übernehmen. Ganz konkret heißt das im Falle von Bobby Vega: 16tel-Noten mit dem Plektrum gespielt, viele Deadnotes, Betonung des Upbeats / einer imaginären "Snare" auf der G-Saite. Das mische ich mit einem Song, der mir zufällig einfällt. In diesem Fall: "Eye of the Tiger". Im folgenden Video siehst du meine Interpretation von "Eye of the Tiger" im Stile von Bobby Vega.

Was ich davon habe, "Eye of the Tiger" auf Bobby-Vega-Art zu üben, ist weit mehr als das Offensichtliche. Während ich diese Art zu spielen ausprobiere, frage ich mich, womit ich das noch ausprobieren könnte. Passt die Spielweise vielleicht zu einem meiner eigenen Songs? Kann ich das vielleicht auf der nächsten Bandprobe einmal ausprobieren? Was kann ich noch damit anstellen?

>>>In diesem Workshop findest du fünf legendäre Plektrum-Bassriffs, die jeder Bassist kennen sollte!<<<

So fängt kreatives Üben an! Ich fange an, in alle Richtungen zu brainstormen und komme dabei mitunter auf die wildesten Ideen. Wenn ich anfange, diese Ideen zu verfolgen, trete ich augenblicklich aus meinem Loch heraus. So einfach kann das Leben sein!

Beispiel 2: Solotechnik im Stil von Victor Wooten

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Als ich das erste Mal das Cover zu "Amazing Grace" von Victor Wooten gesehen habe, war ich unheimlich geflasht. Nicht von seiner schnellen Technik oder den verspielten Obertönen, sondern vor allem von seiner Art, seine Solovorstellung mit einem durchgängigen Groove zu begleiten. Wenn du dir das folgende Video von Minute 0:55 bis 1:25 anschaust, kannst du schon sehr gut erkennen, was ich meine. Hier spielt Victor die Melodie auf eine groovende Art, zusätzlich spielt er aber auch noch eine einfache Basslinie und begleitet sich rhythmisch mit Deadnotes.

Was ist das Wesentliche an Victors Spielweise, die wir hier sehen? Sie lässt sich grob in drei Teile unterteilen: eine groovende Melodie, eine recht einfache Bassbegleitung und ein rhythmisches Gerüst mit Deadnotes.

Ich kann nun versuchen, dieses Prinzip auf ein anderes Stück anzuwenden. Meine Freundin steht total auf "Gloria in Excelsis Deo". Also überlege ich, wie Victor Wooten den Song wohl auf seine Art spielen würde. Nachfolgend kannst du sehen, wie ich versucht habe, diese Idee umzusetzen. Wieder geht es nicht darum, den anderen Stil perfekt zu kopieren, sondern das Wesentliche der Spielweise zu adaptieren und damit kreativ umzugehen.

>>>In diesem Workshop lernst du Slapgrooves kennen, die einfacher sind, als sie klingen!<<<

Während ich das übe, werde ich in gewisser Hinsicht wieder ein Kind. Ich habe einen Riesenspaß, mein Gehirn feuert Endorphine ab und tatsächlich muss ich manchmal lachen, wenn ich neue, abgefahrene Sachen herausfinde. Das fühlt sich an wie früher, "als es noch so viel Neues zu entdecken gab". Ich merke dann: Es gibt immer noch sehr viel zu entdecken!

Ich muss aber nicht gleich einen Song neu arrangieren, um kreativ üben zu können. Alles, was ich tun muss ist, zwei Dinge miteinander zu kombinieren, die vorher nichts miteinander zu tun hatten. Hierbei gilt: Je weniger zusammenhängend, desto besser!

Beispiel 3: Kombination von Tapping und Slapping

Im folgenden Video habe ich mir eine andere Spieltechnik ausgesucht, die ich total spannend finde. Kennengelernt habe ich sie durch Markus Setzer und René Flächsenhaar, habe sie aber auch schon bei Frank Itt und Victor Wooten gesehen. Hierbei wird der Basslauf mit der linken Hand getappt, während man rechts einen Rhythmus slappt (was übrigens selbst schon eine neue Kombination aus zwei einzelnen Techniken ist!).

Ich verbinde diese Technik mit einer einfachen Übung zu Stufenharmonien. Dafür spiele ich die Akkorde von G-Dur über die einzelnen Stufen aufwärts bis zum F#m7b5. Das mache ich, indem ich links tappe und gleichzeitig mit rechts einen konstanten Rhythmus slappe. Im folgenden Video kannst du dir das einmal aus der Nähe ansehen:

Du kannst die Dinge aber auch noch weiter treiben. Auf welche Akkordfolge kannst du das Prinzip noch anwenden? Was fällt dir auf? Was gefällt dir besonders gut? Das Schöne beim kreativen Üben ist, dass Umwege nicht nur erlaubt, sondern gut und gewünscht sind. Wenn du also beim Üben auf eine neue Idee kommst, verfolge sie! Vielleicht fällt dir durch das Üben der Tap- und Slaptechnik eine Akkordfolge ein, zu der diese Technik super passt. Vielleicht kommst du auf eine neue Songidee, oder vielleicht entwickelst du eine ganz eigene, neue Spielweise!

>>>In diesem weiterführenden Workshop bekommst du Tipps für harmonisch interessantere Basslines!<<<

So kannst du jetzt ganz konkret kreativ üben!

Ich weiß, dass das viel Input auf einmal ist. Lass dich davon nicht überfordern! Mache ganz kleine Schritte und fang einfach an. Suche dir einen Bassisten aus, dessen Art zu spielen dich unheimlich begeistert und stelle ganz grob die wesentlichen Punkte seines Stils heraus (z.B. viele 16tel mit dem Plek, Deadnotes, Betonung des Upbeats auf der G-Saite). Suche dir dann einen Song aus, den du schon kennst und frage dich "Wie würde Bassist XY den Song spielen?" Spiele damit herum und gehe auf Entdeckungstour. Kreativ üben hat nichts mit festen Zeiten und einem Übeplan zu tun. Wenn es dich mitreißt, dann spiele so lange wie du willst bzw. Zeit hast. Wenn nicht, mach nach fünf Minuten wieder Schluss. Der Spaß ist dabei essentiell!

Versuche aber am besten, eine Art Regelmäßigkeit zu schaffen. Täglich etwa fünf Minuten sollten für den Anfang ausreichen. Wenn du danach noch mehr machen willst - super! Überfordere dich aber nicht von Anfang an, indem du dir zu viel auf einmal vornimmst.

Liste möglicher Themen als Anregung für das eigene Üben

Um dir Stoff für Inspiration zu geben, habe ich hier eine Liste aus Themen zusammengestellt, die du nach Herzenslust miteinander kombinieren kannst:

  1. Spieltechniken
  2. Stilmittel
  3. bestimmter Musiker
  4. Skalen
  5. Akkorde
  6. Arpeggios
  7. Linke-Hand-Techniken
  8. Rechte-Hand-Techniken
  9. Rhythmen
  10. Akkordfolgen / Harmonien
  11. Flageoletts
  12. Songs

Ich wünsche dir viel Spaß beim Üben!

Alles Gute, Denis

Veröffentlicht am 29.03.2019

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